Bitte nicht im Auto! Geburtsbericht – Die Geburt meines Sohnes

Große Veränderungen fangen klein an. Ich wusste, dass ich schwanger war, noch bevor ich wirklich schwanger war. Verrückt? Hört sich absolut so an. Doch an dem Tag war das Licht so anders. Die Vorhänge… Sie leuchteten! Zwei Wochen später saß ich bei meiner Ärztin und sah: mein BABY. Genauer gesagt einen kleinen weißen Punkt auf dem Ultraschallbild, aus dem es einmal werden sollte. Unfassbar. Aus dem Nichts hat man plötzlich ein Kind. Ein unglaubliches Geschenk. Es war nicht geplant. Aber gewollt.

Schwangerschaft mit Hindernissen

Die Schwangerschaft verlief kompliziert. Mit dem Baby war immer alles in Ordnung, zum Glück. Nur mein Körper machte mir zu schaffen. Der Gipfel war ein Bandscheibenvorfall in der 20. Woche. Im Krankenhaus teilte ich mir das Zimmer mit der frischgebackenen Mutti eines kleines Sohnes und beneidete sie. Wie gern hätte ich meinen kleinen Sohn auch schon in die Arme geschlossen und vor all dem beschützt, was von außen auf meinen Körper einprasselte. Schmerzmittel. MRT. Stress. Immer wieder Ultraschallkontrollen, niemand ließ mein Baby in Ruhe wachsen. Ich hätte ihm das so gern erspart!

In Woche 34, nachdem ich die Rückenschmerzen dank Osteopathie, Übungen und gezielter Bewegung einigermaßen im Griff hatte, neue Schmerzen. Nasennebenhöhlenentzündung. Aber so stark, dass ich vor Schmerzen in Stirn und Gesicht kaum noch etwas sehen, geschweige denn meinen Alltag mit Kleinkind bewältigen konnte. Also wieder Schmerzmittel. Wieder habe ich mich dafür gehasst, was meinem Baby durch mich zugemutet wird. Die Frauenärztin und auch meine Hebamme bestätigten zwar immer wieder, dass die Medikamente nicht plazentagängig, das heißt nicht schädlich für das Kleine sind. Trotzdem zweifelte ich daran und versuchte die Schmerzen auszuhalten. So schleppte ich mich durch die Schwangerschaftswochen und irgendwann war mir klar – das wird erst besser, wenn es bei mir ist.

Dementsprechend fieberte ich dem Tag entgegen, an dem es sich auf den Weg machen würde. Wegen meiner ganzen „Leiden“ dachte ich die ganze Schwangerschaft über, das Baby kommt sicher vor dem Termin, Tage, Wochen eher. Tja, letztlich wartete ich trotz aller Maßnahmen (Treppensteigen, heiße Bäder, Heublumendampfbad, diverse Tees, Zimt in rauen Mengen…) bis zum Schluss.

Der Tag der Geburt

Dann, zwei Tage vor dem errechneten Entbindungstermin, war irgendetwas anders. Ich hatte für Alisa eine CD mit Kinderliedern angemacht und war über die Maßen gut drauf und euphorisch, dass ich mit ihr wie wild auf dem Sofa hüpfte und tanzte. Noch den ganzen Vormittag hatte ich „Aramsamsam“ im Ohr. Dann, beim Kontroll-CTG beim Frauenarzt, klappte überhaupt nichts. Das Gerät verrutschte die ganze Zeit auf meinem Bauch, die Herztöne wurden nicht richtig aufgezeichnet, und waren eh viel zu schwach. Der Kleine bewegte sich kaum, sodass die Schwester schließlich entschied abzubrechen und mich der Ärztin vorzustellen. Die fand das CTG aber anscheinend ok (oder ahnte vielleicht auch schon etwas) und schickte mich heim. Im Hinausgehen sagte sie beiläufig: „einfach das Kind bekommen“. Ja, wenn es so einfach wäre!

Wieder zuhause googelte ich wie verrückt. Als ob das Internet mir hätte sagen können, wann mein Baby auf die Welt kommt! Nachdem mich die ganzen Artikel und Forenbeiträge irre genug gemacht hatten, rief ich meine Hebamme an. Ob sie mal bisschen Akupunktur machen könnte, um die Wehen anzuregen. Das hatte sie bis dahin nämlich noch nicht, weil schon meine erste Entbindung so schnell ging und wir Angst hatten, das Baby direkt im Auto zu entbinden.

Sie kam und überprüfte zunächst selbst noch einmal die Herztöne. Immer noch beunruhigend. Und: der Muttermund war bereits zwei Zentimeter geöffnet. Der Geburtsprozess hatte anscheinend begonnen und ich hatte NICHTS gemerkt! Die Hebamme schickte mich zum Abklären ins Krankenhaus. Mein Freund fiel aus allen Wolken und mir ging es auf einmal auch viel zu schnell.

Im Krankenhaus war das CTG wieder so, wie es sein sollte. Unauffällig. Erleichterung. Aber: der Muttermund war nun schon vier Zentimeter offen! What? Ich hatte bis dahin null Wehen noch sonst irgendwelche Schmerzen! Typisch, ich bekomme ein Kind und checke es nicht!

Die Ärztin im Krankenhaus hatte mir geraten, die Nacht gleich dort zu verbringen, das ginge bestimmt in den nächsten Stunden los. Hmm… Nein, aus einer Mischung aus Verweigerungshaltung und plötzlich aufkommender Klinikangst entschied ich mich, noch einmal nach Hause zu fahren. Der Gedanke, sehr bald ein Kind gebären zu müssen, versetzte mich in große Panik.

Ich tat also, was ich immer tue, wenn ich mich vor etwas fürchte: es ignorieren.

Ich bereitete das Abendbrot, brachte Alisa ins Bett, schaute eine Serie und aß getrocknete Himbeeren im Schokoladenmantel. Alles wie immer.

Von Null auf Hundert

Statt zu duschen, entschied ich mich, ein Entspannungsbad zu nehmen. Es war zu dem Zeitpunkt 21 Uhr und mit der Wanne kam die Wende. Ich hatte nicht wirklich Schmerzen im warmen Wasser, geschweige denn Wehen, aber es war ungewohnt unangenehm. Nach dem Waschen kuschelte ich mich aufs Sofa, schob noch ein paar Schokobeeren in den Mund und philosophierte per Whatsapp mit einer Freundin über den möglich Zeitpunkt der ersten Wehe.

Und plötzlich war er da. Völlig aus dem Nichts: dieser stechende, fiese, durch Mark und Bein dringende Schmerz im Unterleib, der mir noch von der ersten Geburt so vertraut war. Eine Wehe! Wie eine Welle, die dich umstößt und mit sich in die Brandung zieht.
Als sie vorbei war, stopfte ich vorsichtshalber noch ein paar Schokohimbeeren in den Mund und ging – ich sage nur Verweigerungstaktik! – Zähneputzen und ins Bett. Im Nachhinein total verrückt, ich meine, erst kann ich es nicht erwarten und dann glaube ich nicht daran, dass die Geburt tatsächlich losgeht.

Es war 21.30 Uhr und ich hatte mich kaum in die Kissen gekuschelt, da kam die nächste Wehe. Zehn Minuten nach der ersten. Der Papa, sichtlich nervös, schielte auf unseren Funkwecker. Die nächste Wehe kam bereits nach sieben Minuten. Die übernächste schon nach fünf. Als die Wehen im Dreiminutenabstand kamen, platzte meinem Freund der Kragen. In einer Wehenpause rannten (also er, bei mir war es eher ein hastiges Watscheln) wir zum Auto, klatschten kurz mit der Oma ab, die auf Alisa aufpassen sollte und rasten los.

Die Uhr im Armaturenbrett zeigte 22:07 Uhr. Mittlerweile hatte ich schon gar keine spürbaren Abstände mehr zwischen den Wehen, die Fahrt nahm ich gar nicht richtig war. Ich war wie im Tunnel und versuchte meine Atemübungen anzuwenden und den Schmerz wegzuhecheln. Bitte nicht im Auto, bitte nicht im Auto!

Als wir gegen 22.30 Uhr endlich im Krankenhaus ankamen, schleppte ich mich zum Kreißsaal, zog mein Nachthemd an und warf mich auf die Liege. Vorher hatte ich mir ja vorgenommen, Lockerungsübungen zu machen, Vierfüßlerstand und Hocke und so, und die Geburt so natürlich wie möglich ablaufen zu lassen. Am Ende lag ich bewegungsunfähig wie ein umgekippter Maikäfer auf dem Bett und betete zu Gott, dass diese irrsinnigen Schmerzen endlich aufhören! Der Muttermund war ruckzuck vollständig geöffnet und ehe mich versehen konnte, durfte ich pressen. (Jeder, der schon mal Presswehen hatte, weiß, welche Erleichterung es ist, dem Pressdrang endlich nachzugeben.)

Ich bin nun eine Zweifachmama

Weitere Einzelheiten verkneife ich mir – im Großen und Ganzen war die Geburt nämlich wirklich schön (auf schmerzhaft schöne Weise). Und schnell: Es war 23.55 Uhr, nur zweieinhalb Stunden nach der ersten Wehe, als mit einem Mal alle Schmerzen vergessen waren. Und ich erneut das Schönste erleben durfte, was ein Mensch je erleben kann: sein Kind zum ersten Mal in die Arme zu schließen!

Später habe ich erfahren, dass es zuvor noch einen kurzen Moment des Schreckens gab, der Kleine hatte die Nabelschnur um den Hals gewickelt. Wie froh ich war, dass ich mich gegen eine Hausgeburt entschieden hatte (und er nicht im Auto kam)!

Da war er also. Ein bisschen blau, aber völlig gesund. Mit fünf Fingern an jeder Hand und fünf Zehen an jedem Fuß. Mit einem Herzchen, das schlägt und einem Mündchen so rot und zwei unergründlich schauenden Augen. Mein Sohn. Arthur. Es hat sich alles gelohnt. Für ihn!

In dieser Sekunde schwor ich, dass ich ihn immer beschützen würde. Dass ich, egal was kommt, sein Zuhause bin. Sein Schutzengel. Seine private Security. Seine Mama.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s