6 Yoga-Mythen und was dahintersteckt

Meine Güte, wer hätte gedacht, dass etwas so Friedliches wie Yoga die Geister derart spaltet! „Yoga ist nur was für Eso-Tussen.“ Oder „Echte Männer machen kein Yoga.“ „Muss man für Yoga eigentlich Veganer sein?“ Leute, es geht um Yoga. Wir machen Körperübungen und lassen unseren Geist zur Ruhe kommen. Das heißt, wir huldigen weder einer autoritären Gottheit noch tadeln wir andere für ihre Ernährungsgewohnheiten.

Die meisten haben eine ungefähre Vorstellung davon, was Yoga ist. Viele haben schon mal Yoga gemacht, einige praktizieren regelmäßig, wenige interessieren sich für die geschichtlichen und spirituellen Hintergründe. Das ist der Grund, wieso Mythen und Vorurteile die Runde machen und sich hartnäckig halten. Und da mein Anliegen ist, möglichst viele Menschen in den Genuss von Yoga kommen zu lassen, möchte ich an dieser Stelle mit den gängigsten Vorurteilen aufräumen. Let’s Go!

1.Vorurteil über Yoga: Für Yoga muss man einen bestimmten Glauben haben. Yoga ist mir zu esoterisch!

Dieses Vorurteil haben häufig Menschen, die einer bestimmten Religion angehören und fürchten, vom rechten Glauben abzukommen oder welche, die keiner Religion angehören und mit Spiritualität auch nichts zu haben wollen.

Zu allererst: Yoga ist KEINE Religion. Yoga fordert auch nicht das Bekenntnis einer bestimmten Glaubensrichtung, etwas des Buddhismus. Yoga kann – je nachdem, wie tief man in die Lehren eintauchen will, etwas mit Spiritualität zu tun haben, ja. Zwischen Religion und Spiritualität besteht aber ein gewaltiger Unterschied! „Religion ist eine Übereinkunft, Spiritualität hingegen eine Reise.“* Yoga soll nicht als Vorschrift oder Zwang, sondern vielmehr als Empfehlung oder Wegweiser verstanden werden, um uns in Einklang mit uns selbst und allem, was ist, zu bringen.

Patanjali, ein indischer Gelehrter und der Verfasser der Yoga-Sutren (Sutra = Leitfaden) vor rund 2000 Jahren (Achtung: Yoga selbst gibt es schon viel viel länger. Yoga ist uralt, die Ursprünge liegen im Dunkeln.) stellte eine Art Anleitung auf, einen achtfachen Pfad („Ashtanga Marga“), mit dessen Hilfe wir die Hindernisse („Kleshas“), die unseren Geist immer wieder aus der Ruhe bringen und Leid verursachen, überwinden sollen. Die acht Stufen bestehen aus ganz konkreten und praktischen Vorgehens- und Verhaltensweisen, die selbst in der modernen Lebenswelt nichts an Aktualität verloren haben.

Ashtanga Marga umfasst den Umgang mit unserer Umwelt (Yamas), den Umgang mit uns selbst (Niyamas), den Umgang mit dem Körper (Asanas), den Umgang mit dem Atem (Pranayama), den Umgang mit den Sinnen (Pratyahara) und den Umgang mit dem Geist (Samyama), der noch einmal aufgeteilt ist in Konzentration (Dharana) und Meditation (Dhyana). Auf der letzte Stufe finden wir schließlich Samadhi, das Höchste: die innere Freiheit. Den Gipfel der Glückseligkeit.

Mit anderen Worten: Yoga ist ein Weg, eine Praxis, eine Lebenseinstellung, die uns ganz einfach (!) glücklich machen soll. Und es ist so einleuchtend: Behandle ich andere gut und bin friedlich, spare ich mir Stress, Ärger, Leid und bin glücklicher. Behandle ich mich selbst gut, achte auf meinen Körper, halte ihn durch Yoga- und Atemübungen gesund und beweglich, spare ich mir Krankheiten, Schmerzen, Leid und bin glücklicher. Behandle ich meinen Geist gut, sorge für Auszeiten und inneren Rückzug, schärfe meine Wahrnehmung und Konzentration, lasse ich das Grübeln und die negativen Gedanken sein, spare ich mir Leid – und bin glücklicher. Kein Eso-Kram, kein Hokus Pokus, keine Religion. Just happiness.

2. Vorurteil über Yoga: Yoga ist nur was für ruhige Menschen. Ich muss mich auspowern, um runterzukommen!

Das ist ja gerade der Punkt. Durch Yoga WIRD man ruhiger. Vor allem Leuten, die von sich selbst behaupten, zu unruhig für Yoga zu sein, würde ich dringend zu Yoga raten!

Es ist zwar tatsächlich so, dass Menschen, die ständig unter Strom stehen oder häufig Stress empfinden, zu Beginn Schwierigkeiten mit Yoga haben können. Stress stellt für den Körper einen Zustand höchster Erregung dar: der Herzschlag beschleunigt sich, der Atem wird flacher, das Stresshormon Adrenalin pumpt durch unser Blut. Sportarten wie Joggen oder Mountainbiken kommen diesem hohen Erregungslevel entgegen. Man baut bei solchen „Powersportarten“ auch Stresshormone und Spannungen ab – ABER, und jetzt kommt das, was eben den Vorteil von Yoga ausmacht – man lernt beim „Auspowern“ nicht, sich zu entspannen. Yoga ist Entspannung in der Anspannung, eine Fähigkeit, die uns später in stressigen Situationen zugute kommt, in denen wir uns nicht bewegen oder weglaufen können – im Büro zum Beispiel.

Bei Patanjali heißt es: „Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen im Geiste“. Die Körperübungen, das Halten der einzelnen Stellungen, die Verbindung von Atem und Bewegung – all das lässt unseren Geist zur Ruhe kommen, macht uns gelassener und entspannter. Yoga bringt damit beides: den Kopf zur Ruhe UND den Körper.

3. Vorurteil über Yoga: Yoga ist nicht anstrengend. Ich will lieber „richtigen“ Sport machen!

Alle, die so etwas behaupten, empfange ich mit Freuden in meinem Kurs! 🙂 Es ist überraschend, wie viele der Meinung sind, Yoga hat nichts mit Schwitzen zu tun, weil man ja nur rumliegt und sich höchstens sanft dehnt. Erst gestern war ich wieder in einem Kurs beim Yogalehrer meines Vertrauens und konnte danach kaum noch die Treppen herabsteigen, so von der Anstrengung zittrig waren meine Oberschenkel.

Je nach Yogarichtung werden die Asanas (Haltungen) mehr oder weniger lang gehalten. Beispiel Bretthaltung (kennt ihr vielleicht als „Planks“): Die Liegestützposition, Rücken und Beine in einer Linie, Nacken in Verlängerung der Wirbelsäule, mag am Anfang noch ganz easy anmuten. Nach 60 Sekunden sieht das schon ganz anders aus. Die Arme zittern, der Bauch macht schlappt, die Schultern sinken ein, Schweiß tropft auf die Matte… und dann heißt es: „Noch fünf Atemzüge halten!“ Echt jetzt?

Der Weg zur Entspannung kann richtig anstrengend sein. Jeder, der schon einmal in einem 90-minütigen Yoga-Kurs war, weiß, wie sehr man sich am Ende auf die Endentspannung („Savasana“) freut und es genießt, endlich still auf dem Rücken zu liegen und auszuruhen.

4. Vorurteil über Yoga: Yoga hat etwas mit Akrobatik zu tun. Dafür bin ich viel zu unbeweglich!

Die andere Seite. Man sieht Fotos von wild verrenkten und verknoteten Yogis und fragt sich, wie zum Himmel sie die Beine an den Armen vorbei über die Schultern gebracht haben.

Meine Yoga-Ausbilderin hat immer gesagt, es gibt zwei Arten von Yogaschülern: Die schwarzen Ritter und die Pandabären. Die schwarzen Ritter stürzen sich furchtlos in jede noch so schwierig anmutende Haltung und fühlen sich erst wohl, wenn ihnen der Dehnungsschmerz Tränen in die Augen treibt. Die Pandabären sind das glatte Gegenteil. Mit großen Teddyaugen staunen sie über die einfachsten Asanas und fürchten sich vor jeder Dehnung, die auch nur im Entferntesten zieht und zwickt. Die einen gehen permanent über ihre Grenzen, die anderen testen sie gar nicht erst aus. Beides nicht gut.

Im Yoga geht es darum, aus Schonhaltungen herauszukommen. Wir wollen unseren Rücken stärken, unsere Wirbelsäule in die natürlichen Kurven zurückführen, unsere Haltung verbessern. Das alles geht nur, indem wir unsere Grenzen wahrnehmen und ANNEHMEN. Mit regelmäßiger Praxis verschieben sie sich von ganz allein in die gewünschte Richtung. Es geht um Achtsamkeit – keiner wird gezwungen, in einer Asana zu verharren, die ihm nicht gut tut oder die ihn überfordert. Ein bisschen Zittern und Schwitzen ist aber durchaus erwünscht.

5. Vorurteil über Yoga: Als Yogaschüler muss man auf Fleisch verzichten. Ich will kein Vegetarier sein!

Natürlich wäre es mir nicht unrecht, wenn alle meine Schüler kein Fleisch mehr essen würden. Aber ganz im Ernst, das Theater, das manche Yogaübenden veranstalten, wie sie sich die Mäuler aufreißen, nur weil jemand in ihren „heiligen“ Reihen noch Kuh isst, geht mir auf die Nerven.

Es gibt im achtfachen Pfad einen Unterpunkt unter den Yamas, der nennt sich „Ahimsa“, Gewaltlosigkeit. Auf dem Weg zum inneren Frieden sollen wir anderen kein unnötiges Leid zufügen. Das schließt das nichtlebensnotwendige Töten und Essen von Lebewesen logischerweise mit ein. Es schließt aber auch ein, nett zu anderen zu sein. Wenn jemand im Yogakurs vom Sonntagsbraten schwärmt und ein anderer antwortet „Ey, du frisst Schweine? Ich polier dir die Fresse!“, ist das also auch nicht besonders yogisch.

Der Weg des Yoga ist individuell, jeder beschreitet ihn auf andere Weise – die meisten suchen den Zugang über die Körperübungen und wollen erstmal schauen, ob dieses Yoga „was für sie ist“. Andere wollen sofort das volle Programm, Meditation, Veganismus, Einläufe und Zungenschaber. Alles völlig in Ordnung – solange niemand einen anderen wegen seiner Einstellung verurteilt. Ich finde, jeder Schritt zum Glück hat Unterstützung verdient – egal aus welcher Richtung er kommt!

6. Vorurteil über Yoga: Yoga ist nichts für Männer. Geh weg mit diesem Mädchenkram!

Ich muss zugeben, in Yogastudios tummeln sich tatsächlich überwiegend Frauen. Dabei war Yoga ursprünglich eine reine Männerdomäne. Es ging nicht um körperliche Fitness, sondern um Erleuchtung – und solche geistigen Höhenflüge wurden halt nur Männern zugetraut. (Ich erspare mir meinen Kommentar.)

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich mit Eugenie Petersen (bekannt unter ihrem Künstlernamen Indra Devi) die Yoga-Vorherrschaft des Mannes: Indra Devi, Tochter eines Bankers und einer adligen Schauspielerin aus Lettland, trickste 1927 ihren damaligen Verlobten aus, damit er ihre eine Reise nach Indien finanzierte und brachte den indischen Yogalehrer (und Obermacho) Krishnamacharya am Hof des Maharadscha in Mysore dazu, sie zu unterrichten. Sie mauserte sich zur Musterschülerin und beeindruckte ihren Lehrer derart, dass er sie, diese hartnäckige, interessierte junge Frau auserwählte, seine Lehren in die Welt hinauszutragen. Sie schmiss ihrem Fast-Ehemann den Verlobungsring vor die Füße, ließ sich zur Yogalehrerin ausbilden, zog in die USA und unterrichtete dort Filmgrößen wie Marylin Monroe und Greta Garbo.

Binnen weniger Jahre wurde so aus der ehemals geistigen Disziplin für gelehrte indische Männer eine Fitnessgymnastik für westliche Frauen. Mittlerweile sind der Großteil der Yogapraktizierenden Frauen, weshalb die meisten Studios ihr Angebot auf die weiblichen Bedürfnisse ausrichten. Das heißt aber nicht, dass Männer keinen Zugang hätten. Und erst recht nicht, dass Yoga für Männer „nichts ist“.

Yoga ist ein Ganzkörperworkout, ein knallhartes Programm, das Muskeln wachsen lässt, stärker, stabiler und konzentrierter macht. Selbst Spitzensportler wie David Beckham, Dirk Nowitzki oder die Deutsche Fußballnationalmannschaft haben regelmäßig Yoga auf ihrem Trainingsplan stehen. Zum Thema Yoga für Männer werde ich demnächst nochmal einen gesonderten Artikel schreiben. Zur Motivation aber noch ein Ausspruch von Patanjali:

„Wenn du von einem hohen Ziel, von einem außergewöhnlichen Projekt inspiriert bist, sprengt dein Denken seine Fesseln, dein Geist überschreitet Grenzen, dein Bewusstsein dehnt sich in alle Richtungen aus, und du findest dich in einer neuen, großartigen, wunderbaren Welt wieder. Schlummernde Kräfte, Fähigkeiten und Talente werden geweckt, und du entdeckst, dass du ein weit großartigerer Mensch bist, als du je zu träumen gewagt hast.“

In diesem Sinne – probiert mal etwas Außergewöhnliches. Übt Yoga!

Und falls ihr nicht wisst, wie und wo, schaut mal auf www.dreitannenyoga.de vorbei. Ich freue mich auf euch!

*Zitat aus: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen von Yuval Noah Harari (Verlag C.H.Beck)

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