Loslassen – Die härteste aller Lektionen

Das Kind ist mittlerweile in einem Alter, in dem man allerhand mit ihm anstellen kann. In den Streichelzoo gehen zum Beispiel, oder ins Schwimmbad oder rodeln. Wir waren letzte Woche im Urlaub am Chiemsee und es war super. Vor allem unkompliziert, weil die Kleine von den vielen neuen Eindrücken so überwältigt war, dass sie weder gequengelt hat noch gelangweilt war und abends ruck zuck eingeschlafen ist. Die Kehrseite der Medaille: Sie wollte mehr. Mehr Tiere, mehr Spaß, mehr Action.

Dann waren wir in einem Indoorspielplatz. Paradies für Kinder – Hölle für die Eltern. Ich war überhaupt das erste Mal in einer „Kids Arena“ und seitdem kann ich mir keinen schlimmeren Ort vorstellen. Überall wimmelnde Kinder, permanentes Geschrei in der Lautstärke eines startenden Düsenjets und wohin das Auge blickt grelle und bunte Farben. Und inmitten des wirren Getümmels irgendwo mein Kind. Mein Baby, hilflos und schutzbedürftig.

Oder auch nicht.

Alisa kam, sah und – spielte. Fasziniert rannte sie von einem Bällebad zur nächsten Rutsche, drehte da ein Rädchen, stapelte dort einen Klotz, roch hier an einer Gummiblume und kletterte da auf einen Kasten und vergas völlig, dass – naja, mich.

Während sich unsere Freunde zu den Massagesitzen zurückzogen und der Papa auch dort verweilte, stand ich hilflos und verwirrt im Bällebad und hielt angestrengt Ausschau nach meinem Kind.

Schon klar, ich bin das, was einige Erziehungsratgeber „Helikopter-Mutter“ nennen. Omnipräsent, überbehütend und ständig in Sorge. Aber ich habe nun mal nur das eine Kind!

Da war zum Beispiel so ein Mädchen. Etwa drei Jahre alt, schmutzig und aufdringlich. Die ganze Zeit scharwenzelte sie um Alisa herum, zog ihr an den Haaren und versuchte, sie zu küssen. Glücklicherweise ist Alisa sehr flink und fand das Getue des Mädchens wohl auch nervig. Doch egal wohin sie lief, das Gör kam ihr nach! Nahm ihr Spielzeug aus der Hand, schubste sie und versuchte ihr wieder und wieder Küsschen zu geben. So schnell konnte ich mich gar nicht durch die ganzen Spielsachen und Schaumstoffklötze wühlen, wie das Mädchen ihre Angriffe startete.

Im Bällebad dann der Gipfel. Ich dachte ja schon, sie hätte es endlich aufgegeben und sich ein anderes Kind zum Nerven ausgesucht. Da ging plötzlich ein Wogen durch Bälle. Etwas Großes bewegte sich unter der Oberfläche und wie ein Maulwurf aus seinem Loch grub sich dieses Mädchen ans Tageslicht. Mit einer Hand griff sie nach Alisa. Zerrte sie zu sich und hätte sie um ein Haar mit dem Kopf unter die Bälle gedrückt, hätte nicht eine andere Mutter, die näher dran saß, Alisa am Arm gepackt und gerettet.

Ich hatte es so satt. Und war vor allem wütend auf den Vater des schrecklichen Mädchens, der unbeteiligt am Rand saß und ein Kaktuseis schleckte. Überhaupt! Warum verkaufen die in einer Arena, in der Kinder allein durch die schiere Masse an Spielzeug und ihresgleichen aufgedreht und außer Kontrolle sind, NUR Zucker und Kram? Eis, Schokoriegel, Gummibärchen, Pommes mit Ketchup, Limo, Softdrinks – was bezwecken die damit? Kinder in kleine Zombies verwandeln, damit sie ihren überforderten Eltern das Geld aus der Tasche leiern? Egal. Mit vorwurfsvollem Seitenblick auf den apathischen Kaktuseis-Vater nahm ich meine Tochter zum Trösten in den Arm. Die hatte jedoch schon wieder die Rutschen im Blick und entwand sich energisch der mütterlichen Fürsorge.

Vielleicht bin ich ja wirklich ein klein wenig zu sehr Glucke. Alisa kann auch ohne mich sehr gut mit anderen Kindern umgehen und ihren Platz behaupten. Und Kinder, deren Eltern nicht ständig reglementierend eingreifen und sie auch mal einfach machen lassen, werden schneller selbständig und kommen später im Leben besser zurecht.

Aber genau das ist ja der Punkt! Wenn das jetzt schon losgeht mit der Selbständigkeit, dann braucht sie mich ja bald gar nicht mehr! So schön es ist, dass Alisa schon so vieles allein kann, laufen, essen, sich die Schuhe ausziehen – es macht mich ein bisschen traurig, kein kleines Baby mehr zu haben, dass ich 24 Stunden am Tag betüddeln und herzen kann. Aber so ist das halt. Loslassen!
In nicht einmal einem Monat muss sie ohnehin in den Kindergarten. Dann wird es richtig hart. Also für mich.

Tröstlich war dann der Augenblick, als sie nach dem 123. Mal Rutschen ihre kleinen Ärmchen zu mir hochstreckte und sich fest an mich kuschelte. Auch die größten kleinen Abenteurer brauchen eben dann und wann ihre Mama.

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