Aussehen sticht Charakter – wie bewahre ich meine Tochter vor einem verzerrten Körperbild?

Heute beim Spaziergehen auf dem Feld zwei Mädchen getroffen. Die beiden waren vielleicht zwölf, höchstens 13 Jahre alt. Die eine hatte eine Kamera und die andere war das „Model“. Das Kind posierte vor dem Maisfeld, Rücken zur Kamera, Po herausgestreckt, Arme hinter dem Kopf verschränkt, ihre Haare wehten im Wind. So eine Instagram-Pose, die schon bei erwachsenen Frauen albern aussieht. Als würden sie von der Polizei festgenommen. Hände hoch und Gesicht zur Wand!

Bei der Kleinen wirkte das Ganze erst recht bizarr. Nicht nur, dass sie im allergrößtem Herbststurm ohne Schal dastand (solche Sachen fallen mir jetzt auf als Mutter), sondern dass sie vermutlich nicht einmal wusste, wie gefährlich solche Fotos sein können. Vor allem, wenn sie in sozialen Netzwerken verbreitet werden.

Die zweite, unscheinbarere Gefahr geht von der Ideologie dahinter aus. Von dem verzerrten Körperbild, dass schon in die Köpfe unserer Kleinsten gepflanzt wird. Im besten Fall führt eine Selbstwahrnehmung, die allein auf das Aussehen fixiert ist, dazu, dass sich junge Mädchen beim „Modeln“ im Herbststurm eine Erkältung einfangen. Im schlimmsten Fall zu Essstörungen, mangelndem Selbstwertgefühl und psychischen und physischen Krankheiten. Laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamts im Jahr 2014 starben im Zeitraum von 1998 bis 2008 jährlich zwischen 33 und 100 Menschen in Deutschland an Essstörungen, 90 Prozent davon waren Frauen. Die häufigsten diagnostizierten Fälle von Essstörungen treten in der Altersgruppe der 13- bis 18-Jährigen auf.

Jugendliche. Die sich noch gar nicht selbst gefunden haben können und deshalb auf Vorbilder angewiesen sind. Vorbilder, die heute nicht mehr aus dem persönlichen Umfeld kommen, sondern aus den Medien und sozialen Netzwerken. Und die eben suggerieren, dass „tolles Aussehen“ das Non plus ultra ist.

Eine Untersuchung der Bundesärztekammer im Jahr 2002 ergab, dass für 88 Prozent der 12- bis 15-Jährigen ein „tolles Aussehen“ das Wichtigste ist – wichtiger noch als Karriere und Markenklamotten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass jeder Vierte, der sich für die Schönheit unters Messer legt, noch keine 25 Jahre alt ist.

Frauen mit Lücken zwischen den Oberschenkeln, Taillen, die sie mit ihren eigenen Händen umfassen können und Schlüsselbeinen, auf denen sich Münzen stapeln lassen, sind für die Kids DIE Stars von Facebook und Instagram. Mit tausenden Followern. Natürlich gibt es auf der anderen Seite auch noch die Fitness-Girls und -Boys, die zwar gesünder aussehen, ihre Figur aber einem hammerharten Sport- und Ernährungsprogramm verdanken.

Ob dürr oder mit Waschbrettbauch, alle verkünden sie eine Botschaft: du bist dein Körper. Und nur etwas wert, wenn er top aussieht. Du musst ihn trainieren, stählen, quälen, dann bekommst du Anerkennung, Follower, Freunde. Charakter? Schon auch wichtig, aber zweitens.

Ich will das jetzt nicht überdramatisieren oder so tun, als wäre ich ganz anders. Ich muss auch daran arbeiten, mich nicht nur auf mein Äußeres zu reduzieren. Als Kind war ich „pummelig“ und deshalb war für mich lange Zeit jedes Lob, das mein Aussehen betraf, wie eine Droge. Nur leider habe ich dabei vergessen, dass ich noch viel mehr bin als mein Körper und viel mehr kann, als hübsch auszusehen.

Klar geworden ist mir das nicht zuletzt durch meine Rolle als Mutter. Ich möchte meiner Tochter ein gutes Vorbild sein und ihr einen entspannten und gesunden Umgang mit ihrem Körper vermitteln. Dass man wertvoll und liebenswert ist, auch wenn man nicht so aussieht, wie die Frauen auf Instagram. Dass Selbstwertgefühl und Anerkennung von innen kommen. Dass man seinen Körper immer wohlwollend behandelt und dass man ihm Gutes tut, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. Letzteres sagte übrigens eine Frau, Teresa von Ávila. Eine „Influencerin“, die schon im 16. Jahrhundert predigte, dass der Mensch mehr ist, als nur sein Körper.

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