Hurra, der erste Geburtstag! Ein Jahr wie ein Leben

Früher dachte ich ja immer, die Alten spinnen, wenn sie jammern, wie schnell doch die Zeit vergeht. Wenn mich die Tanten in die Wangen zwickten und riefen „Ei, du bist ja schon wieder gewachsen.“ Früher war ein Jahr wie ein Jahrhundert. Ein Tag war eine Ewigkeit und jeder Morgen versprach ein neues Abenteuer.

Damals waren Geburtstage noch richtig was zum Feiern, ohne diesen gouvernantenmäßig-mahnenden Charakter. Wieder ein Jahr vorbei, wieder so viele Träume nicht erfüllt. Vielleicht hat man auch zu viele. Nach Island reisen, Yogalehrer werden, die Erde aus dem Weltall sehen – die Liste wird immer länger. Früher hat man von dem neuen „Barbie Super Abenteuer Camper“  geträumt oder einem Besuch auf der Annaberger Kät. Man kann Kindern ja viel Fantasie und Hirngespinste nachsagen, aber ihre Wünsche sind realistischer. Das könnte daran liegen, dass sie mehr im Jetzt leben. Und nicht so weit in die Zukunft planen. Kein Wunder, dass  für uns Erwachsene die Zeit so sehr rast. Wir nehmen den Moment ja gar nicht mehr wahr.

Vor allem als Mutter gehen die kleinen Momente oft im Alltag unter. Im Bestreben, perfekt zu sein, hetzen wir vom Staubsauger zum Breiwärmer, sterilisieren ein paar Schnuller und singen dem Baby was vom Kuckuck und vom Esel. Und wissen abends nicht mehr, was wir morgens gemacht haben.

Das erste Jahr ist das Schlimmste. Sagte mir eine Freundin, als ich kurz nach der Geburt trübe Gedanken dachte und mir im Traum nicht vorstellen konnte, wie um alles in der Welt jemand sogar ein ZWEITES Kind (oder noch mehr, wtf!!) bekommen wollte. Ich war mit dem neuen Baby, der neuen Mutterrolle und dem neuen Leben, das nie mehr so werden würde wie zuvor, überfordert.

Die Verantwortung für dieses kleine, komplett auf mich angewiesene Menschlein machte mir Angst. Vor allem, weil ich nicht stillen konnte und keine Ahnung hatte, wie man macht, dass es nicht stirbt. Das klingt krass und heute schlage ich wegen solcher Gedanken die Hand vor die Stirn.  Aber damals hatte ich echt Panik, dass mein Baby durch MEINE Schuld in irgendeiner Weise leidet.

Die „mütterliche Intuition“ bildete sich bei mir erst später. Am Anfang gab es nur Chaos und Unsicherheit. Wenn mir jemand zur Geburt gratulierte und sagte „Genießt die erste Zeit, sie ist magisch!“, hätte ich ihn am liebsten angebrüllt. Ich betete zu Gott, dass die „magische erste Zeit“ so schnell wie möglich vorüber geht. Die ersten drei Monate war ich im Ausnahmezustand. Mein Körper war ein Wrack, die Schmerzen, die Anspannung und die Nächte ohne Schlaf hinterließen auch psychisch ihre Spuren und ich lebte nur noch von Tag zu Nacht, von Nacht zu Tag.

Aber auch das ging vorbei. Der Frühling kam und ich erblühte zu neuem Leben. Meinem neuen Leben. Nun war ich auch im Herzen Mutter.

Und mein Baby – war von Anfang an das Liebste und Schönste, was mir in meinem Leben je geschenkt wurde. Ich bereue (und bereute) dieses Geschenk in keiner einzigen Sekunde.

Als ich dieses kleine, schrumpelige, bezaubernde Bündel zum allerersten Mal sah, stand die Welt einen kurzen Moment still. Von dieser Sekunde an wusste ich, dass mir nie mehr irgendetwas mehr bedeuten würde, als dieses winzige Baby mit den rabenschwarzen Haaren und den großen wachen Augen. Wie kann man jemanden, den man erst so kurz kennt, schon so sehr lieben?

Mutterliebe ist mit der „normalen“ Liebe zu seinen Eltern, der Familie oder dem Partner überhaupt nicht zu vergleichen. Mutterliebe ist unendlich. Das klingt dramatisch und filmschnulzenmäßig übertrieben, ist aber so. Die Liebe einer Mutter ist in keiner Weise an Bedingungen  geknüpft. Sie gibt, ohne zu nehmen. Sie ist allgegenwärtig und sich selbst genug. Ich liebe mein Kind mehr als mich selbst. Seit ich Mutter bin, macht alles einen Sinn.

„Mütter fragen nicht nach dem Sinn des Lebens. Sie sehen ihm abends beim Schlafen zu.“  (unbekannt)

Am Vorabend der Geburt lag ich auf der Couch und shoppte online Sportklamotten. Für die Zeit nach der Geburt, um schnell meine alte Figur wiederzubekommen (Gott war ich naiv!). Gegen 23 Uhr ging ich ins Bett und war beinahe beleidigt, dass mein Baby noch immer nicht kommen wollte. Nachmittags hatte ich extra noch den Stubenwagen schick gemacht. „Hier“, habe ich gesagt, „dein Bettchen ist fertig, wir warten auf dich!“

Naja, drin geblieben ist noch keins. Ich löschte das Licht und war schon fast eingeschlafen, als es plötzlich laut „Plopp“ machte. Dreimal, plopp, plopp, plopp.

Hä?

Nass war nichts, die Fruchtblase konnte es also nicht sein. Wer weiß.

Kurz nach Mitternacht wurde ich wieder wach und musste auf die Toilette. Und wie ich da so saß und saß und saß und das Plätschern nicht nachließ – wurde mir klar: Das Ploppen WAR die Fruchtblase! Ich rannte zum Handy und alarmierte meinen Freund. Der hatte Nachtschicht und sein Dienstort ist etwa eine anderthalb Stunde von zuhause entfernt. Was die Sache nicht entspannter machte.

Egal, Schmerzen hatte ich noch keine, also wartete ich halt auf ihn. Ich zog mich in Ruhe an, machte mir die Haare, trug Make-Up auf (ja, ernsthaft) und kuschelte mich mit einer Zeitung und meinen Katzen ins Bett. Zum Lesen hatte ich aber keine Ruhe, also klingelte ich schon mal im Krankenhaus durch und kündigte an, dass ich in Kürze vorbeikommen würde und gedachte, ein Kind zu gebären.

Langsam kamen die ersten Wehen. Oli, mach hinne!

Um ein Uhr war er zuhause. Rekord! Aber das war mir damals egal, ich wollte nur schnell fachliches Personal in meiner Nähe haben. Ein Kind zu bekommen lernt man eben nicht in der Schule oder (obwohl der Name es vermuten lässt) im Geburtsvorbereitungskurs.

Um 1.30 Uhr waren wir in Chemnitz. Dort wollte mir die Hebamme weismachen, dass das Kind vor dem Mittag auf KEINEN FALL zur Welt kommen wird, bei einer Erstgebärenden dauere das schließlich seine Zeit und ich solle mich doch entspannen und ein bisschen schlafen. Am nächsten Morgen werde sie dann ein CTG schreiben und dann sehen wir weiter.

Echt jetzt? Meine Wehen wurden ab um drei immer heftiger und kamen im Fünf-Minuten-Takt. Also, ich bin ja kein Arzt und kannte Geburten bis jetzt nur aus dem Fernsehen und so, aber geplatzte Fruchtblase und Wehen waren doch schon etwas Ernstes, oder?

Ich wurde trotzdem stationär aufgenommen und in ein Zimmer gebracht. Nachdem ich mich dort eine gefühlte Ewigkeit im Bett gequält hatte und natürlich NICHT schlafen konnte, lief ich nach unten und hämmerte an die Kreißsaaltür. Aufmachen! Ich bekomme ein Baby! Jetzt!

Die Geburt selbst erspare ich euch, andere wollen schließlich auch mal ein Kind bekommen. Vier Stunden später hielt ich meine Tochter im Arm.

Alisa.

Das bedeutet „Von edlem Wesen“ oder auch „Die Hübsche“. Unsere Hübsche.

Ich könnte ewig zuschauen, wie sie so in unserer Mitte sitzt und die Kerzen auf ihrem allerersten Geburtstagskuchen bestaunt. Papageienkuchen, wie für mich früher. Mir wird klar, dass es nicht darauf ankommt, sich im Leben so viele Wünsche wie möglich zu erfüllen. Nur die allerwichtigsten.

Alisa ist zufällig am gleichen Tag geboren wie meine Uroma und der Onkel meines Vaters. Beide können leider nicht mehr mit uns feiern.

Aber sie wären sicher auch verliebt in dieses kleine freundliche Sonnen-Mädchen mit den funkelnden blauen Augen und dem Herz eines Abenteurers. Das mein Leben so viel bunter macht und meiner Zukunft einen Sinn gibt.

Happy Birthday, mein Schatz! Das größte Geschenk bist du.

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