Endometriose: Glutnester im Bauch

Endometriose. Bis vor zwei Jahren wusste ich nicht, dass es diese Krankheit gibt. Geschweige denn, dass ich von ihr betroffen bin. Dabei leiden allein in Deutschland zwischen zwei und sechs Millionen Frauen an Endometriose, jährlich erkranken rund 40.000 Frauen neu.

Endometriose nennt man Gebärmutterzellen, die im gesamten Unterleibt versprengt vorkommen. Wie sie dort hingelangen, ist bislang ungeklärt. Möglicherweise durch Vererbung, Ernährung, Fehlfunktionen des Immunsystems, rückfließendes Menstruationsblut, Verbreitung der Zellen über Blut und Lymphe, Umwelteinflüsse… infrage kommen viele Faktoren.

Die Endometriose-Herde jedenfalls verhalten sich wie die normalen Gebärmutterzellen zyklisch und können – weil sie während der Menstruation eben auch bluten und dadurch chronisch entzündet sind – zu folgenden Beschwerden führen:

– Starke Schmerzen und Krämpfe während der Monatsblutung und darüber hinaus

– Schmerzen beim Sex

– Zysten

– Magen- und Darmbeschwerden, Blutungen aus dem Darm

– Herz-Kreislauf-Probleme

– Geschwächte Immunabwehr

– Unerfüllter Kinderwunsch

Letzterer ist auch der Grund, warum die Krankheit bei den meisten Frauen überhaupt erst erkannt wird. Im Schnitt vergehen drei (bei Kinderwunsch) bis zehn Jahre (bei Schmerzen), bis Endometriose als Ursache der Beschwerden diagnostiziert wird. Bei mir waren es sechs. Sechs Jahre, in denen ich keine Ahnung hatte, dass wehenähnliche Schmerzen während der Menstruation NICHT normal sind und dass ich weder hysterisch noch hypochondrisch noch zimperlich bin. Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich anderen betroffenen Frauen Mut machen möchte. Mädels, ihr seid nicht wehleidig oder übersensibel. Und ihr seid schon gar nicht allein!

Ich kann mich (zum Glück) nicht mehr an alle Horror-„Tage“ erinnern, wohl aber an die zwei schlimmsten. Bevor meine Regel kommt, bin ich ja generell nervös und angespannt, weil mir davor graut, was bald wieder losgeht. Meine größte Angst ist immer, dass mich der Schmerz in einer unpassenden Situation überfällt – wenn ich nicht zuhause bin und auch nicht schnell nach Hause kann. Nur zum Verständnis: Wir reden hier nicht von normalen Regelschmerzen, die mit ein bisschen Wärme und einer halben Ibuprofen geheilt sind. Es geht um RICHTIGE, Ohnmachtsanfall-auslösende und kalter Schweiß- und schwarz vor Augen-Schmerzen!

Meine schrecklichsten Endometriose-Momente fanden in der Uni und auf Arbeit statt. Beide Male lag ich auf dem kalten Fliesenboden der Damentoilette, beide Male schleppte ich mich mit letzter Kraft ins Krankenzimmer (naja, einmal zumindest bis zum Häuschen des Sicherheitsdienstes), beide Male wurde der Notarzt samt Krankenwagen gerufen und beide Male mussten mich meine Eltern abholen, weil ich vollgepumpt mit Schmerzmitteln nicht mehr Auto fahren durfte. Und beide Male hat JEDER mitbekommen, dass es gerade irgendetwas mit mir hat. Peinlich, peinlich, peinlich!

Der Totalausfall auf Arbeit stellte sich dann wenigstens noch dahingehend als glücklicher Zufall heraus, dass mein Notarzt eine Frau war, die in ihrer Jugend unter den gleichen Beschwerden litt. Und mir deshalb empfahl, mich auf Endometriose untersuchen zu lassen. Von der Krankheit hatte ich bislang nur flüchtig in Frauenmagazinen gelesen, ohne die Symptomatik auf mich zu beziehen.

Als mein Freund und ich beschlossen, ein Kind zu bekommen und ich einfach nicht schwanger wurde, nahm auch mein Frauenarzt das Thema endlich ernst. Weil die Herde bei einem normalen Ultraschall nicht entdeckt werden können, riet er mir zu einer Laparoskopie – einer Bauchspiegelung unter Vollnarkose. Und tatsächlich fanden die Ärzte bei der OP diese stecknadelkopfgroßen Zellwucherungen, die so höllische Schmerzen verursachen. Endometriose. Meine Qualen hatten einen Namen.

Was es aber auch nicht besser macht. Endometriose gilt sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Medizin als unheilbar. Die Therapie besteht in Deutschland aus der operativen Entfernung der (immer wiederkehrenden) Herde, Hormongaben und der Verabreichung der Pille im langen Zyklus.

Wenn man schwanger werden will, sind Hormone und Pille leider kontraproduktiv. Man hat also die Wahl: Unerfüllter Kinderwunsch und ein weitgehend normales Leben oder Hoffnung auf ein Baby und dafür alle vier Wochen geburtsähnliche Schmerzen. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden.

Und wurde belohnt – sechs Monate nach der OP war ich endlich schwanger.

Die Schwangerschaft war seit Langem die erste Zeit in meinem Leben, in der ich nicht alle vier Wochen in Panik verfiel und zwanghaft Schmerztabletten überallhin mitnahm. Außerdem hatten mir Frauen mit ähnlichen Regelschmerzen berichtet, dass nach der Geburt alles besser wird. Nach dem ersten Kind sind die Schmerzen Geschichte. Juhu!

Tja, das wäre dann wohl doch zu schön, um wahr zu sein. Zwar hatte ich das erste dreiviertel Jahr wirklich kaum Probleme. Doch nach neun Monaten kam eine neue Attacke. Nach elf die nächste. Endometriose is back.

Ich habe mich mittlerweile viel belesen und weiß, dass die Ernährung eine große Rolle spielt (Milchprodukte, Gluten und säurebildende Lebensmittel verschlimmern das Problem), Stress und natürlich die Psyche.

Endometrioseherde sind innere Wunden, wörtlich wie auch im übertragenen Sinne. Den weiblichen Zyklus mit Hormonen auf Standby zu setzen, lindert zwar die Symptome, behebt aber mitnichten deren Ursache. Endometriose zwingt uns dazu (wie andere Krankheiten auch), uns mit unserem Körper auseinanderzusetzen, Fehler in unserer Lebensweise zu erkennen und aufzuspüren, was in uns „brennt“.

Mir persönlich bringt Yoga sehr viel, auch Physiotherapie hat schon geholfen. Andere schwören auf progressive Muskelentspannung und wieder andere auf Ayurveda und Akupunktur. Letztlich muss jeder für sich selbst herausfinden, wie er der Krankheit begegnet. Fakt ist: Mit den Wechseljahren ist alles vorbei. Und bis dahin ist es wichtig (wenngleich schwierig), einen positiven Umgang mit der Krankheit zu entwickeln. Zu wissen, es gibt vielleicht nichts, was mich heilt, aber doch vieles, was mir Linderung verschafft.

Weiterführende Informationen gibt es auf der Homepage der Deutschen Endometriosevereinigung.
Anmerkung: Ich berichte hier nur von meinen persönlichen Erfahrungen! Wenn du glaubst, an Endometriose zu leiden, wende dich an den Frauenarzt deines Vertrauens und lass dich checken! Und vor allem: Lass dir nicht einreden, deine Beschwerden seien „normal“ und du sollst dich halt einfach nicht so anstellen. Wenn dir etwas unnormal vorkommt, dann ist es das in der Regel auch. Höre auf deinen Bauch – der weiß es sowieso am besten.

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