Mein veganes Leben, Tag 202: Über Flunkereien, Schwiegereltern und milchfreien Apfelkuchen

Ich bin kein militanter Veganer. Ich missioniere nicht, ich trage keine einschlägigen T-Shirts, ich dulde Käse in meinem Kühlschrank und ich dränge niemandem fleischfreie Frikadellen auf. Ich rede auch nicht ungefragt über mein Essverhalten oder verbreite Schockbilder aus Schweinemastanlagen. Ich bin der Meinung, Ernährung ist eine unglaublich vielschichtige und subjektive Angelegenheit, die jeder für sich selbst regeln muss.

Aber genauso, wie keiner beim Verzehr eines Brathähnchens über die negativen ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Konsequenzen von tierischen Produkten belehrt werden will, so will ich mich nicht ständig wegen meiner Einstellung rechtfertigen müssen. Ich esse keine Tiere und auch nicht deren Ausscheidungen. Punkt.

Und was ich noch weniger leiden kann, als sinnlose Diskussionen über Essgewohnheiten, sind: Lügen.

Lügen sind doof. Da sind wir uns einig. Vor allem für den Belogenen. Belogen werden fühlt sich an, wie als Huhn verkleidet auf einer Kostümparty zu erscheinen, die gar keine ist.

Am fiesesten ist es, wenn man von jemandem belogen wird, dem man vertraut hat. Jemandem aus der Familie zum Beispiel. Man ist gekränkt und wütend und will aber eigentlich keine große Sache daraus machen, um das Verhältnis nicht zu belasten.

Ich meine, dass ich Veganerin bin, ist mittlerweile keine Neuigkeit mehr. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kein Schwein esse, kein Huhn, keinen Fisch, keine Kuh, keinen Käse, keine Butter, keine Sahne und keine Schwarzwälderkirschtorte. Ich verlange auch von gar niemandem, dass er mir eine Extrawurst (har har) kocht oder backt. Aber wenn mich jemand einlädt, weiß er, worauf er sich einlässt. Und Nudeln mit Tomatensoße oder Kuchen mit Margarine und Pflanzenmilch sind wahrlich kein Hexenwerk.

Bis jetzt hat das auch immer super geklappt und es ist fast schon rührend, wie toll die Muttis und Omas mir extra vegane Sachen zaubern. Aber anscheinend habe ich wohl noch nicht deutlich genug gemacht, dass es mir mit dem „Vegandings“ echt ernst ist.

Letzte Woche bei der Geburtstagsfeier der Schwieger-Oma. Ich war schon darauf eingestellt, zum Kaffeetrinken nur Kaffee zu trinken, als die Oma mir plötzlich einen Apfelkuchen unter die Nase hielt. „Hier, Annemarie, der ist frei von Sahne, Butter, Milch und so.“ „Boar, suuuper, danke, voll lieb, dass du den extra für mich gebacken hast.“ Herzchenaugen und „Wow schmeckt der lecker, ich nehme gleich noch ein Stück.“ (Man muss ja schließlich Begeisterung zeigen, wenn sich jemand so für einen ins Zeug gelegt hat!)

Heute dann bei der Schwiegermutti wieder der Apfelkuchen. Cool, sie hat ihn wohl extra nachgebacken! Herzchenaugen. Als ich mir gerade ein Stück auf den Teller schaufeln will, frage ich sicherheitshalber noch einmal nach. „Der ist doch ohne Milch, oder?“

Betretenes Schweigen.

„Ach, Annemarie….“ Mir schwant nichts Gutes. „Warte, hier ist die Verpackung.“ Verpackung? Also… nein, da ist nichts drin. Oder… warte, was ist denn Süßmolkenpulver?“

Milch. Hrmpf.

Wahrscheinlich haben sie es nicht böse gemeint. Sie wussten es nicht besser. Aber ich hätte es gut gefunden, wenn sie mir einfach gesagt hätten, dass das ein Tiefkühl-Kuchen von Dr. Oetker mit fragwürdigen Inhaltsstoffen ist.

Ich habe dann dankend abgelehnt. Was keiner verstehen konnte, habe ich letzte Woche doch auch zwei Stück vom gleichen Kuchen gegessen. „Der hat dir doch geschmeckt!“

Spätestens da wusste ich, dass es niemals einen Sinn haben wird, mit ihnen über tierleidfreie Ernährung zu diskutieren. Solange sie nicht verstehen, dass es NICHT um den Geschmack geht, brauche ich ihnen nichts über den Stellenwert von Genuss im Vergleich zum Leid von Abermillionen Tieren zu erzählen.

Eine Spaßbremse bin ich da. Ein Kostverächter. Ein Asket. Jemand, der ihnen einen Spiegel vorhält und ein schlechtes Gewissen macht.

Habe dann einen Teller voll Pfirsichen und Aprikosen bekommen. Sie meinen es halt nur gut.

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