Oje, es wächst!

Manche sagen, das Leben gleicht einer Achterbahnfahrt. Ich denke, es ist ein Katapult. Eine Zeit lang passiert gar nichts und dann – BÄM! – alles auf einmal. Höhenflug, Absturz, knallharte Landung auf dem Boden der Tatsachen.

Und so ist es von Anfang an. Schon ganz kleine Babys durchleben diese Ereigniskette. Die Abstürze (oder sind das die Höhenflüge?) nennen Experten „Sprünge“, Entwicklungsschübe.  Zehn Stück soll es davon in den ersten 20 Lebensmonaten geben. Wir (also das Kind, Eltern reden ja gern im Plural) befinden uns gerade im sechsten Sprung. 

Im Buch „Oje, ich wachse!“ von Dr. Hetty van de Rijt und Dr. Frans X. Ploij (die Eltern-Bibel – wer schwanger ist oder plant, irgendwann ein Kind zu bekommen: unbedingt kaufen!) steht im Alter von etwa 37 Wochen oder 8 ½ Monaten der Sprung in die „Welt der Kategorien“ an. Das Baby lernt, dass es Dinge gibt, die einander ähnlich sind und es diese in Gruppen einteilen kann. Es lernt beispielsweise, was eine Katze ist und dass es davon mehrere gibt (wir haben zwei und Alisa ist immer wieder erstaunt, wenn neben der einen plötzlich eine weitere auftaucht). Dass alle Äpfel nach „Apfel“ schmecken. Oder dass das Gegeneinanderschlagen zweier Bauklötze einen bestimmten Klang (Lärm) verursacht. Früher ging man davon aus, dass „Intelligenz“ in diesem Zeitraum entsteht. Das ist so nicht richtig, weil das Baby durchaus auch schon vorher „gedacht“ hat. Nur eben nicht so, wie wir Erwachsenen. Mit der Fähigkeit, Kategorien zu bilden, wird sein Denken nun dem unseren ähnlich und wir beginnen, es besser zu verstehen. Messungen haben gezeigt, dass sich die Hirnstromkurven und der Zuckerstoffwechsel im Gehirn von Babys in diesem Alter drastisch verändern, außerdem nimmt der Kopfumfang rasant zu.
Kein Wunder, wenn auf einmal alles kacke ist. Die Welt, wie sie vorher war, existiert nicht mehr. Stell dir mal vor, du wirst jeden Tag mit neuen, unbekannten Dingen konfrontiert – du siehst, riechst, hörst, schmeckst und fühlst anders als je zuvor. Das macht dir natürlich Angst und verstört dich. Und du stellst fest, dass deine wichtigste Bezugsperson, der Mensch, der dir Halt, Schutz, Sicherheit, Liebe und Geborgenheit gibt, NICHT mit dir verschmolzen ist, sondern sich beliebig von dir wegbewegen kann. Dass es passieren kann, dass du mit all den fremden, neuen Dingen allein gelassen wirst. Gruselig!

Achteinhalb Monate alte Babys sind also aus gutem Grund rastlos, angespannt, extrem anhänglich und – sorry, Mäuschen – nervig. Den momentanen Sprung empfinde ich als den bislang heftigsten. Weil ich nun einmal die Person bin, die Alisa zehn Monate im Bauch getragen hat und die den ganzen Tag um sie herum ist, weil ich die Mama bin, habe ich seit zwei Wochen ein kleines Klammeräffchen am Rockzipfel. Beziehungsweise auf dem Arm, hochziehen kann sie sich noch nicht. Lege ich sie auf ihren Spielteppich, will sie sofort wieder auf den Schoß. Sitzt sie auf meinem Schoß, will sie auf den Spielteppich. Muss schließlich die vielen neuen, interessanten Gegenstände erforschen. Gleichzeitig machen die ihr aber Angst, also will sie wieder auf den Schoß. Und so weiter und so fort.

Die Nächte sind besonders heftig. Nachdem man das kleine verstörte Würmchen nun den ganzen Tag herumgetragen hat und gelernt hat, dass es eigentlich fast keine Tätigkeit gibt, die man nicht einhändig ausführen kann (außer Katzenklo säubern – das aber auch nur, weil ich vermeiden will, dass sie mit dem neuen, interessanten Ding namens „Katzen-A-A“ experimentiert), ist man ja ein bisschen geschafft. Und freut sich, wenn Schlafenszeit ist und Klein-Klammeräffchen in die Heia geht. Haste gedacht! Das Kind kann soeben beim Baden noch das müdeste Baby auf der Welt gewesen sein, sobald es ins Bettchen geht, wird Gaudi gemacht! Und wehe, ich wage es, aus dem Zimmer zu verschwinden. Terror! Kaum stehe ich wieder am Bettchen, wird gejuchzt und gefeiert was das Zeug hält. Das ist anstrengend, sage ich euch.

Gestern zog sich das Schauspiel (Genre: Tragikomödie) bis kurz vor Mitternacht. Mein Freund hatte Frühschicht und war seit vier Uhr auf den Beinen und dementsprechend auch schon mit den Nerven am Ende. Zu guter Letzt war es so, dass wir beide so voneinander und der Situation genervt waren, dass wir überhaupt nicht mehr miteinander gesprochen haben. Alisa, schlaf doch bitte ENDLICH ein! Tat sie dann auch irgendwann, war aber nachts noch mehrmals auf und morgens auch wieder um halb sechs, zu ihrer gewohnten Zeit. Ich habe keine Ahnung, wo sie die Energie für solche Nächte hernimmt. Essen mag sie ja auch nicht sonderlich viel.

Auch ihre Tagschläfchen sind stressbehaftet. Momentan schläft sie tagsüber grundsätzlich nur noch in der Kutsche – also in der fahrenden, ist doch klar! Sobald sich jedoch ein unbekanntes Geräusch nähert oder  – um Gottes Willen! – jemand „Hallo“ sagt oder „Tschüss“, schnellt das Baby hoch und späht aus dem Kinderwagen. Was war das? Lauert Gefahr? Jemand hier? Ich drehe mittlerweile einfach um, wenn mir von Weitem Spaziergänger, Fahrradfahrer oder Hundehalter entgegenkommen. Habe ich es doch mal nicht mitbekommen oder kann gerade nirgends anders hin und muss wohl oder übel an einem vorbei, bete ich, er möge NICHT grüßen. Die meisten sind aber leider höflich und grüßen doch. Am schlimmsten sind Fahrradfahrer. Die lärmend angeprescht kommen, von fern schon „Achtung!! Nicht erschrecken!!“ brüllen und dann im Vorbeisausen laut „HALLO!!“ rufen. Grrr. Habe schon mehrmals darüber nachgedacht, einfach mal einen Stock in die Speichen zu halten.

Tut mir leid. Normalerweise bin ich eher freundlich und grüße gern. Wenn ihr mich also mal mit Kinderwagen trefft, wundert euch nicht, wenn ich euch mit zusammengekniffenen Lippen ignoriere oder direkt kehrtmache – das Baby will schlafen!

Irgendwann ist der Sprung auch überstanden. Nach spätestens vier Wochen, heißt es im Buch. Dann wird es wieder einfacher und die Babys würden „für ihre Selbständigkeit und Fröhlichkeit gelobt“. Bis zum nächsten Entwicklungsschub.

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