Ein Hühnerei bringt keinen um

Letztens hat mich ein Bekannter auf das Thema Veganismus angesprochen. Also er könnte das ja nicht. Kein Fleisch mehr – das mag vielleicht noch gehen. Aber ohne Milch, Käse und Eier? Nein! Darauf kann er nun wirklich nicht verzichten! Überhaupt: Was ist so schlimm an einem Hühnerei? Dafür muss doch keiner leiden. Schließlich ist Eier legen der Daseinszweck eines Huhns. Und ob die Henne nun eines oder drei oder fünf Eier ausbrütet, ist ihr doch egal. Und am nächsten Tag liegt sowieso wieder ein neues im Nest.

Gut, Eier aus Käfighaltung muss man vielleicht nicht unbedingt kaufen. Bodenhaltung klingt auch nicht so natürlich. Aber ein Bio-Ei? Aus Freilandhaltung? Man kann es auch übertreiben. Keine Eier mehr essen, ts ts ts. Wir Veganer sollten doch mal die Kirche im Dorf lassen!

Nun ist es ja so, dass Hühner von Natur aus tatsächlich Eier legen. Und dass sie normalerweise dabei auch nicht leiden und ein gemopstes Ei aus dem Nest wahrscheinlich verkraften. Das gilt aber nur für eine Welt, in der Hühner auf einem Bauernhof herumschnattern, nach Lust und Laune im Dreck scharren und unter freiem Himmel Körner picken können.

In so einer Welt leben wir aber nicht.

Die Eier, die wir kaufen, stammen von Hühnern, die zusammengepfercht auf der Fläche eines DIN A4-Blatts vor sich hinvegetieren. Auf Gitterstäben, die ihre Krallen verletzen. Oder, wenn sie das „Glück“ von Boden- oder Freilandhaltung haben, in ihrem eigenen Kot. Die sich vor Stress gegenseitig die Augen aushacken und die Federn ausreißen (weshalb ihnen der Schnabel ohne Betäubung einfach abgeschnitten wird). Lebende Hennen stehen neben toten oder sterbenden. Ein Leben wie im Horrorfilm.

Es geht schon grausam los. Die Eier werden nicht von der Mutter ausgebrütet, sondern anonym in riesigen Brütereien, in Kisten, Brutschränken.  Kaum geschlüpft, werden die Küken (zur Erinnerung: diese niedlichen gelben Flaumbällchen) nach Geschlecht sortiert. Männliche Küken, („Eintagsküken“), werden sofort vergast, erstickt oder in den Häcksler geworfen. Babyküken! Geschreddert! Bei lebendigem Leib! Dieser Vorgang („Sexen“) betrifft auch Bio-Eier – weil erst nach dem Brüten entschieden wird, in welcher Haltungsform ein Huhn leben darf.

Vor allem muss man sich mal überlegen: Da gibt es Menschen, die ARBEITEN als „Sexer“. Die stehen am Fließband, aber statt Autoteile zusammenzubauen, werfen sie kleine flauschige Küken in einen Häcksler! Wie abgestumpft muss man sein? Und wer macht so etwas, freiwillig? Stell dir mal vor, du hast ein Date und fragst arglos: „Und, was machst du beruflich?“ Und dein Gegenüber antwortet: „Ich schreddere Küken.“

Die anderen Küken, also die kleinen Hennen, bekommen mit heißen Klingen oder einem Laser ohne Betäubung die Schnäbel gekürzt und kommen, sobald sie „legereif“ sind (mit drei bis fünf Monaten), in die Legebatterien. Unter oben genannten grausamsten Bedingungen.

Weniger als fünf Prozent der Eier in Deutschland stammen aus Bio-Betrieben. Dort haben die Hühner zwar ein bisschen mehr Platz (sechs Hühner pro Quadratmeter) und bekommen ein bisschen besseres Futter. Doch auch hier leiden die Tiere unter Milbenbefall, entzündeten Kloaken, wunden und entzündeten federlosen Hautstellen. Sie stehen auch hier in ihrem eigenen Kot zwischen toten und sterbenden Artgenossen. Denn der Weg ins „Freiland“ ist für die meisten Hennen so versperrt, dass sie gar keine Möglichkeit haben, hinaus zu kommen und selbst wenn – die Tiere meiden die öden Freilandflächen ohne Versteckmöglichkeiten. Hühner sind Fluchttiere und fühlen sich unter weitem, freiem Himmel unwohl.

Selbst wenn man das mal alles außer Acht lässt und sich die Hühner so vorstellt, wie sie auf den Eierpackungen abgebildet sind, gesund, glücklich und in natürlicher Umgebung: Nach spätestens einem Jahr sind sie von den bis dahin über 300 gelegten Eiern (normal sind etwa 18 Eier pro Jahr) so ausgemergelt und „unwirtschaftlich“, dass sie im Schlachthaus landen. Normalerweise wird ein Huhn 20 Jahre alt.

Habt ihr euch eigentlich mal gefragt, WARUM Hühner Eier legen? Zur Fortpflanzung, klar, weil daraus neue Hühner werden. Aber warum sie auch welche legen, wenn sie nicht von einem Hahn befruchtet wurden?

Eier entsprechen den Eizellen einer Frau. Sie reifen im Eierstock, wachsen heran und werden, ob befruchtet oder nicht, am Ende des Zyklus‘ ausgeschieden. Ein Ei ist also ein Teil der „Menstruation“ von Hühnern. Lecker.

So ausführlich habe ich das meinem Bekannten letztens zwar nicht dargelegt. Nur das mit den geschredderten Küken erzählt. Weil ich das unter all den Grausamkeiten, die man Hühnern antut, am Grausamsten finde. Vor allem seit ich Mutter bin und zwanghaft in jedem Baby-Lebewesen meine Tochter erkenne. Küken schreddern! Ich komm nicht drüber weg! Und die Reaktion meines Bekannten: „Naaajaaaaaa. Man kann doch nicht alle retten. Was willst du denn da überhaupt noch essen? Die Welt machst du dadurch auch nicht besser!“

Es gibt so eine Geschichte über Seesterne, die geht etwa so:

Eines Tages wütete ein fürchterlicher Sturm über dem Meer und die meterhohen Wellen spülten unzählige Seesterne an den Strand. Hilflos lagen sie da, ausgeliefert an Sonne und Luft, bestimmt zu sterben. Da lief ein kleines Mädchen den Strand entlang. Es hob einen Seestern nach dem anderen auf und trug ihn behutsam zurück zum Meer. Angesichts der unüberschaubaren Zahl von Seesternen ging ein Spaziergänger auf sie zu und sagte zu ihr: „Du dummes Mädchen! Was du machst, ist vollkommen sinnlos. Nie schaffst du es, alle zurück ins Meer zu werfen! Ob du ein paar von denen rettest, macht doch keinen Unterschied!“ Da ging das Mädchen ruhig zum nächsten Seestern, hob ihn auf und trug ihn behutsam zum Meer.  Zu dem Spaziergänger sagte sie: „Für IHN macht es einen Unterschied!“

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