Sport nach der Geburt

Am Abend vor der Entbindung lag ich auf dem Sofa und habe online Sportklamotten geshoppt. In meiner alten Größe, naiv wie ich war. Ich hätte eigentlich wissen können, dass es nach einer Geburt eine Weile dauert, bis man nicht mehr so aussieht, als hätte man einen Volleyball verschluckt. Ganz zu schweigen davon, dass man sich fühlt wie vom Zug überfahren.

Mediziner warnen davor, das Sportprogramm zu zeitig zu beginnen. Der Körper hat während der fast zehnmonatigen Schwangerschaft Höchstleistungen vollbracht und eine Entbindung belastet ihn stärker als ein Marathon. Hormone, die unsere Bänder und Sehnen für die Geburt weich und dehnbar gemacht haben, werden nur langsam wieder abgebaut. Das Verletzungsrisiko ist deshalb erhöht. Außerdem macht Sport mit Stillbrüsten nun wirklich keinen Spaß! Für die Dauer des Wochenbetts, also mindestens sechs Wochen, ist Ruhe, Erholung und Familienzeit angesagt. Danach ist es ratsam, zunächst einen Rückbildungskurs zu besuchen, bevor man mit dem gewohntem Fitnessprogramm startet.

Wobei die Dauer der Rückbildung bei jeder Frau variiert. Je nach Schwangerschaft und Verlauf der Geburt ist die eine nach drei Monaten schon wieder fit, während die andere vielleicht ein Jahr braucht, um zu ihrer alten Form zurück zu finden. Deshalb: Nicht stressen!

Bestimmte Übungen sollte man im ersten Jahr nach der Geburt generell vermeiden. Dazu zählt alles, was den Beckenboden stark belastet, wie Trampolinspringen, aber auch langes Joggen. Ich zum Beispiel kann bis heute keine Hampelmänner oder Jumping Jacks machen. Aber auch Übungen für die geraden Bauchmuskeln sind gefährlich. Durch die Schwangerschaft sind die geraden Bauchmuskeln überdehnt, zwischen ihnen klafft eine Lücke (Rektusdiastase). Macht man zu früh Situp’s oder Crunches (Rumpfbeugen), vergrößert sich die Lücke und der Unterbauch bleibt vorgewölbt. Übungen gegen eine chronische Rektusdiastase gibt es auf mama-moves.com.

Wenn man sich irgendwann wieder fit fühlt für die Aktion After-Baby-Body, steht man vor dem nächsten Problem: Man hat kaum Zeit! Meine Tochter schläft tagsüber entweder nur in der (fahrenden!) Kutsche oder mal 20, 30 Minuten in ihrem Laufgitter. Sport machen, wenn das Baby schläft, ist für mich daher keine Option. Ich mache ja am liebsten Yoga oder Freeletics (ein HIT*-Programm mit eigenem Körpergewicht). Am Anfang habe ich versucht, einfach mit Baby in der Wohnung zu trainieren. Doch sobald ich die Matte ausrolle, kommen entweder die Katzen und wollen schmusen (aber penetrant!) oder das Baby hat irgendwas. Das ist so nervig, das bringt überhaupt nichts!

Dann schon eher draußen mit Kutsche. Ich bin sowieso eher der Outdoor-Sportler. Da wir glücklicherweise direkt vor der Haustür einen Wald haben, packe ich das Baby in den Kinderwagen und ziehe mit meiner Matte los. Wir haben ganz in der Nähe eine idyllische Bank mit Blick auf die nächste Ortschaft, wo ich schon vor der Schwangerschaft immer Sport gemacht habe. Problem war nur, dass wir den krassesten Winter seit Jahren hatten und ich mit der Kutsche schon auf den normalen Wegen kaum fahren konnte. Bank unerreichbar, flacher Bauch ebenso.

Ich habe mich deshalb nach dem Rückbildungskurs zum „superMAMAfitness“ in Stollberg angemeldet. Ähnlich wie beim „Kanga-Training“ (das es leider nur in Chemnitz gibt) kuschelt sich meine Tochter in der Tragehilfe an mich und ich mache Aerobic. Bei den Kräftigungsübungen liegen die Babys dann auf der Matte. Und merkwürdigerweise verhält Alisa sich hier ruhig. Macht sie zuhause nicht! Der Kurs war im Winter meine Rettung, um nicht komplett zum Schlaffi oder fett zu werden.

Mit veganer Ernährung hat man zwar generell weniger Probleme mit Übergewicht, weil man (wenn man es richtig macht und auf gesunde Zutaten achtet) praktisch keine gesättigten Fettsäuren und Industriezucker zu sich nimmt. Aber wenn man isst wie ein Scheunendrescher, wird es natürlich trotzdem schwierig, die Figur zu halten. Letztens hatten wir uns zum Beispiel das Kochbuch Vegan Italian Style – Moderne italienische Küche (Vegane Kochbücher von Attila Hildmann) von meiner Oma ausgeliehen und gleich mal eine italienische Woche eingelegt. Das heißt, es gab sieben Tage lang jeden Mittag Lasagne, AuflaufPasta, Pizza und Co. War lecker, aber ging halt auch direkt auf die Hüften.

Trotzdem möchte ich auch mal etwas Unanständiges essen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben. Deshalb: Sport!

Der meiner Meinung nach oft unterbewertet wird. Auf manchen Mama-Blogs entsteht der Eindruck, dass Sport etwas Ärgerliches ist. Eine Last, die sich doch keiner freiwillig aufbürdet. Da gibt es die einen, die in einer kinderfreien halben Stunde auf der Couch lümmeln und philosophisch ergründen, warum Faulheit und Müßiggang uns zu glücklicheren Menschen machen. Und die anderen, die sich damit rausreden, dass der mütterliche Alltag auch so schon anstrengend genug ist. Wer braucht schon Sport, wenn man Kinder hat?

Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus. Gerade WEIL man Kinder hat, will man doch so fit sein wie möglich. Schon allein deshalb, um mit den kleinen Energiebündeln mithalten zu können. Ich würde mich schämen, wenn ich die Treppe in den zweiten Stock nur keuchend hochkomme. Oder mich ein Kindergartenkind im Sprint abhängt.

Ich bin gewiss kein Sport-Nazi. Ich lümmele auch gern in einer kinderfreien halben Stunde auf der Couch. Aber wie bekommen denn Sportmuffelmütter ihren Kopf frei? Vielleicht beim Putzen oder Kochen. Ist in Ordnung, aber ich brauche dafür Bewegung und frische Luft. Ich liebe es, schwitzend und ausgepowert im Wald zu sitzen. Außerdem habe ich trotz Muttersein noch immer den Anspruch an eine halbwegs ordentliche Figur.

Wobei hier unbedingt noch gesagt sein muss: Fit sein zu wollen ist ehrenhaft und schön und gut. Aber die Figur ist nach der Geburt eines Kindes wirklich Nebensache! Was sind schon ein paar Speckrollen am Bauch verglichen mit dem Wunder, das in ihm herangewachsen ist. Es heißt, so lange wie der Bauch gewachsen ist, so lange dauert es auch, bis er wieder weg ist. 40 Wochen! Und auch wenn man danach noch nicht wieder elfenhaft über den Laufsteg schwebt – solange wir mit unserem Aussehen kein Geld verdienen müssen, können wir die Sache mit dem After-Baby-Body gelassen angehen.

*High Intensity Training: Ein hochintensives Training, das sich durch kurze und sehr harte Trainingseinheiten auszeichnet.

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