Wenn Eltern ausgehen

Neulich sind wir ausgegangen. Erwähnenswert deshalb, weil das sehr selten vorkommt. Normalerweise sehen unsere Abende so aus, dass wir die Kleine ins Bett bringen, uns aufs Sofa lümmeln, Schnittchen essen und bis zum Schlafengehen Fernsehen schauen. Ich könnte auch etwas Sinnvolleres machen. Lesen zum Beispiel. Oder Blog schreiben. Oder nicht-lärmende Hausarbeiten. Ich will aber abends nichts Sinnvolles machen. Ich will chillen. Mich vom Fernsehen berieseln lassen und nichts mehr denken. (Kleiner Tipp: Mit RTL-Seifenopern klappt das bestens!)

Manchmal aber kämpft sich die Abenteuerlust aus den verstaubten Fragmenten meines früheren Ichs an die Oberfläche meines Bewusstseins und redet mir ein, ich verpasse etwas. Das kann doch nicht alles gewesen sein. Ich muss raus, Dinge erleben und langsamer alt werden.

Oder ich habe halt Tickets geschenkt bekommen.

Donnerstag also waren wir aus. Wir hatten Karten für „Shadowland“ in der Stadthalle Chemnitz. Und während man sich als kinderloses Paar einfach hübsch macht und losfährt, trifft man als Eltern noch einen Marathon an Vorkehrungen. Die To-do-Liste:

Babysitter organisieren. Check! Meine Eltern wohnen zum Glück gleich um die Ecke und waren so freundlich, uns zusammen mit den Tickets ihr Versprechen zu schenken, auf Alisa aufzupassen.

Essen machen. Check! Als dankbare Babysitter-in-Anspruch-Nehmer servieren wir noch ein Abendbrot samt Dessert. Es gibt Feldsalat mit Belugalinsen und Baguette und (Soja-)Joghurtcreme mit Früchten.

Alisa ins Bett bringen. Halber Check! Riesigen Fehler gemacht. Sie war schon müde und bereit zu schlafen, da sind wir mit ihr nochmal auf einen Sprung zum 60. Geburtstag der Nachbarin. Angesichts der vielen Gäste (die das arme Kind gleich antatschen mussten! Warum machen die das? Ich streichle doch auch nicht gleich jedem durchs Gesicht!) hat sie natürlich losgeschrien. Und sich derart in Rage gebrüllt, dass sie zwar vor Erschöpfung gleich eingeschlafen ist, aber sowohl den Abendbrei als auch ihr Fläschchen verweigert hat. Schlechte Voraussetzungen für eine ruhige Nacht.

Schick anziehen. Problem vor dem Kleiderschrank. Alles voll mit Klamotten, aber nichts anzuziehen! Wenn man ein Jahr lang ausschließlich Umstandskleidung getragen hat, kommt einem eine normale Hose plötzlich vor wie Handschellen am Bauch. Was soll‘s, rein mit dem Speck und Bluse drüber. Noch Haare schön machen, schminken, Schmuck ran – auf einmal fühle ich mich wieder ein bisschen wie früher. Bin stolz und mache ein Selfie. Check!

Babysitter einweisen. Ich erkläre meiner Mutter, was sie zu tun hat (als ob sie das nicht wüsste, hat schließlich selbst zwei Kinder großgezogen) und vergewissere mich noch dutzende Male, dass sie NICHT ohne triftigen Grund ins Zimmer der Kleinen geht. Bin trotzdem misstrauisch und bete zum Himmel, dass Alisa schläft, bis wir wieder kommen. Weil, was ist, wenn sie von niemand anderem als von uns das Fläschchen nimmt? Oder sie aufwacht und wir sind nicht da? Sie wird sich doch allein fühlen und verlassen von ihren eigenen Eltern, die nichts anderes im Sinn haben als ihr Vergnügen! Ja, solche sinnlosen Gedanken macht man sich als Mutter! Check, aber angespannt!

Pünktlich losfahren. Trotz allem – check!

Entspannen und die Show genießen. Ob Alisa noch schläft? Meine Mutter würde doch anrufen, wenn etwas ist. Ob sie das Fenster noch zugemacht hat? Hoffentlich drehen die Katzen nicht wieder durch und wecken die Kleine. Neben mir sitzt ein ungefähr 90 Jahre alter Opi. Hat sich schick gemacht, ich finde das rührend. Selbst er geht noch aus! Die Show geht los und ich kann endlich genießen. Ich bin frei! Endlich mal abschalten. Die Ohren mal nicht auf Dauerempfang. Wenn irgendwo ein Kind schreit, ist es sicher nicht meins. Herrlich! Hinter uns sitzen zwei nervige Schrapnellen, die anscheinend keinen Plan haben, worum es bei Shadowland geht. Dauernd labern sie dazwischen und schnattern lächerliches Zeug. Kann denen mal jemand eine langen? Ganz ruhig, die wissen es wahrscheinlich nicht besser. Ich finde die Show trotzdem super und bin völlig mitgerissen von der Musik, dem Tanz, den Figuren. Ein schöner Abend! Check!

Auf dem Heimweg drehe ich die Musik laut auf und tanze, nein ich performe beim Fahren zu „Rockabye“ von Clean Bandit ft. Sean Paul & Anne-Marie. Kein Baby auf dem Rücksitz! Ich drehe das Radio noch ein bisschen lauter. Ich beschließe öfter laute Musik zu hören. Wir fliegen förmlich nach Hause und meine Eltern sind total überrascht, dass wir schon da sind. Alisa war kein einziges Mal wach und wird in dieser Nacht auch noch bis vier Uhr und dann noch einmal bis sieben Uhr schlafen. Ein Goldkind! Wir sollten häufiger ausgehen!

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