Ich bin gar keine Veganerin

Habe Appetit auf Käsepizza. Stehe im Kaufland am Kühlregal und hadere mit dem Veganismus. Nur eine klitzekleine Pizza Tomate-Mozzarella… Nur einmal ausnahmsweise und dann esse ich ganz brav wieder Tofu und Gemüsenudeln. Ich opfere von mir aus auch einer Kuh! Da gibt es nur ein Problem: Mein Gewissen.

Ich kann nicht mehr unbeschwert Käse essen. Fleisch erst recht nicht, aber da juckt‘s mich auch nicht so. Habe noch nie gern Fleisch gegessen. Aber Milchprodukte sind schon schwierig. Mittlerweile habe ich mich allerdings so viel mit dem Thema beschäftigt, Bücher gelesen, Texte gelesen, ekelhafte und verstörende Videos geschaut, ich kann und will das Zeug nicht mehr essen. Appetit hin oder her. Würde ich Käse, Joghurt, Schokoladeneis mit Sahne essen, ich hätte bei jedem Bissen diese Bilder im Kopf. Wie das kleine Kälbchen nach seiner Mama ruft. Wie die Mama-Kuh in ihrer eigenen Gülle steht und  gefoltert und gequält wird. Wie das Blut an ihren Beinen klebt. Und das alles für eine „unschuldige“ Käsepizza.

Ich will jetzt hier nicht die Moralismus-Keule schwingen. Ich halte auch nicht jeden, der Milch trinkt, für einen Sadisten.  Es ist jedem selbst überlassen, was und wieviel er isst. Ich kann es verstehen, dass Leute gerne tierische Produkte essen, die (meisten) schmecken ja auch gut.  Ich will damit nur sagen, dass auch Sachen ohne Milch und Fleisch und Wurst echt lecker schmecken können und es nicht schaden kann, Neues auszuprobieren. Pflanzliche Ernährung bedeutet nicht zwangsläufig Verzicht. Wer „vegan“ mit Tofu assoziiert und wen es beim Gedanken an das schlabbrige, rohe Zeug schüttelt, dem sei gesagt: Vegane Ernährung ist weit mehr als nur Tofu. Und ein Steak isst auch keiner roh und ungewürzt.

Und die ganze „Warum kopieren Veganer Fleischprodukte“-Debatte! Nur weil jemand gern Schnitzel isst, heißt das doch nicht, dass dafür ein Schwein abgestochen werden muss. Und „Schnitzel“ heißt schließlich nicht so, weil es vom Schnitzeltier kommt, sondern weil es etwas „Geschnittenes“ ist, ein Stück von etwas. Sei es nun von einem Tier oder einem Kohlrabi oder einem Tofublock. Bei einer Schnitzeljagd rennen die Kinder ja auch nicht durch den Wald und knallen Säue ab! Die meisten Veganer verzichten aus ethischen Gründen auf Tierprodukte. Warum sollten sie den Geschmack nicht trotzdem mögen dürfen?

Überhaupt das Ding mit dem „Dürfen“. Ich darf Fleisch essen. Ich darf Milch trinken und ich darf Käsepizza essen. Ich will es aber nicht! Und wenn ich doch mal ein Ei esse, so what! Ich bin ein freier Mensch und trete hier nicht mit dem Anspruch an, der beste und moralischste Mensch auf der Welt zu sein. Ich habe zuhause ein riesiges rotes Ledersofa und eine Lederjacke und Lederstiefel und wasche meine Haare mit „Elvital“ von L’Oreal , obwohl ich weiß, dass die Tierversuche machen. Ich bin also gar kein richtiger Veganer. Aber ich liege deswegen nicht jeden Abend heulend im Bett und kasteie mich selbst für meine Inkonsequenz.

Ich versuche, beim Kauf neuer Produkte darauf zu achten, dass möglichst kein Tier seine Haut dafür lassen musste. Aber ich schmeiße meine alten Sachen deshalb doch nicht weg. Ich weiß, es gibt Hardcore-Veganer, die würden mich dafür verabscheuen. Aber es ist doch besser, man tut ein wenig Gutes, als gar nichts! Außerdem ist niemand zu 100 Prozent vegan. Das geht gar nicht! Bei jedem Schritt, den wir gehen, zerquetschen wir hunderte Ameisen, Käfer und Kleinstlebewesen. Von den Insekten, die auf den Windschutzscheiben unserer Autos ihr Leben lassen, ganz zu schweigen. Wenn eine Mücke mein Baby stechen will, mache ich sie tot. Wenn Alisa von einem Hund angefallen wird, greife ich ihn an. Ich sehe Veganismus nicht als einen absoluten Zustand. Eher als Weg. Oder als Treppe. Und die erste Stufe beginnt schon dort, wo Menschen sich entscheiden, zumindest ab und zu auf Fleisch und Milchprodukte zu verzichten.

Und davon werden es immer mehr. Sogar meine Eltern verzichten gerade 40 Tage auf Fleisch. Ich bin so stolz auf sie! In Zukunft wird es fast überhaupt keine Fleischesser mehr geben, weil dank künstlich gezüchteter Muskelzellen aus dem Labor („Culture Meat“) niemand mehr ein Tier töten muss, um in den Genuss von Fleisch zu kommen. Sagt zumindest Richard David Precht. Dessen Buch Tiere denken: Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen ich übrigens sehr empfehlen kann! Ich hab’s endlich durchgelesen – Lesen ist mit kleinem Baby ja der absolute Luxus. Besonders gut fand ich daran, dass es keine plumpe Veganer-Streitschrift ist, sondern ein sehr kluges und umfassendes Buch über unser Verhältnis zu Tieren, angefangen bei der Menschwerdung des Affen bis heute. Am Ende (s. 457f)  schreibt er:

„Zwar sind die Verdrängungsmechanismen der meisten Menschen noch ziemlich intakt, und die gesellschaftliche Ächtung barbarischer Praktiken ist noch verhältnismäßig leise. Doch Schuldgefühle und Beschämung brechen sich langsam ihren Weg durch die Steinplatten des Alltagsbewusstseins vieler junger Menschen. Viele wissen, dass jeder sechste Mensch auf unserem Planeten von Unterernährung bedroht ist, während in den reichen Ländern ebenso viele übergewichtige und fettleibige Menschen herumlaufen. Sie kennen die Zusammenhänge zwischen dem Welthungerproblem und der Massentierhaltung. Sie wissen, dass mehr als die Hälfte aller Getreideernten weltweit als Tierfutter oder Sprit endet. (…) Und sie ziehen für sich daraus die entsprechenden „gastro-politischen“ Schlüsse. 

Ein veganer Lebensstil – und sei er zusätzlich durch den Gesundheitswahn und die Fitnessreligion unserer Zeit gespeist – ist heute nicht mehr lächerlich, sondern weitgehend akzeptiert. Die Jahresproduktion von Veggie-Produkten stieg in Deutschland von 2010 bis 2016 von 3000 auf 20 000 Tonnen.(…) Selbst gezüchtetes und selbst gemachtes Essen steht hoch im Kurs, und Massentierhaltung ist ebenso verpönt wie alles andere, was in Masse gefertigt ist. (…) 

Nicht gebildete Vorkämpfer wie in den vergangenen Jahrhunderten, sondern weitreichende Schwingungen, getestet im Windkanal des Zeitgeists, entscheiden heute über den Erfolg neuer Ideen und Ideale. (…) „Der Mensch ist, was er isst“, das berühmte Bonmot des Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872), gilt auch umgekehrt. Wir sind nicht nur, was wir essen, sondern wir essen abhängig von dem, was wir glauben zu sein. So sind es heute vor allem junge Menschen, die sich nach einem Spagat sehnen zwischen globaler, digitaler Arbeitswelt und naturverbundener, regionaler und fairer Ernährung. Ernährung ist ein Politikum geworden (…). 

Dabei sein ist vielleicht nicht alles, aber wer bei etwas dabei ist, sieht die Dinge anders, als wenn er sie nur von außen unbeteiligt betrachtet. Je mehr Menschen die Sache der Ernährung und damit auch die der Tierhaltung als die ihre ansehen, umso besser ist es um die Bewegung bestellt. (…)“

Es geht um Verantwortung. Als Mutter spürt man die plötzlich auf allen Ebenen. Ich habe übrigens die Käsepizza dann wieder zurückgelegt. Ich hatte keinen Appetit mehr.

 

 

2 Gedanken zu „Ich bin gar keine Veganerin“

  1. Kennst du bestimmt schon, aber falls nicht auch sehr lesenswert: Tiere essen von Jonathan Safran Foer. Ich kann die Aufregerei um „Ersatzprodukte“ auch nicht verstehen. Wenn’s mir dadurch leichter fällt, die richtige Entscheidung zu treffen, warum nicht?

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    1. Ja, das habe ich vor ein paar Jahren schon gelesen, ein sehr gutes Buch. Richtig. Letztendlich dienen die Begriffe doch nur der Orientierung. Ich lese „Schnitzel“ und weiß, worauf ich mich einstellen muss. Ernährst du dich auch vegan? Liebe Grüße nach Kanada!

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