Sechs Monate Mama: Eine Bilanz

Sechs Monate. Ein halbes Jahr für mich. Für meine Tochter ein ganzes Leben. Nie hätte ich gedacht, dass Mutter sein so anstrengend, aufregend, freudvoll, spannend und wunderschön sein würde. Ich habe viel über mich gelernt. Dass ich rund um die Uhr für jemanden da sein kann. Dass ich mich selbst hintenan stellen kann. Und dass ohne ausreichend Schlaf echt gar nichts bei mir geht. Wir hatten keinen leichten Start, Alisa und ich. Die Geburt war so schnell und unkompliziert, ich hätte direkt danach wieder rennen und springen können. Der Hammer kam in den Tagen und Wochen danach. Das Wochenbett, sagten sie mir, soll ich so richtig genießen. Ganz viel Kuscheln, Ausruhen und Zeit nehmen zum Kennenlernen. Aber genießen war defintiv das falsche Wort.

Es fing schon mit dem Stillen an. Die natürlichste und einfachste Sache der Welt, dachte ich immer. Aber es wollte einfach nicht klappen. Alisa trank schlecht und mir ging es von Tag zu Tag mieser. Mastitis, Fieber, Schüttelfrost, depressive Gedanken – das volle Programm. Es gab Tage, da erkannte ich mich im Spiegel nicht wieder. Ich sah aus wie ein Penner. Ausgeleierte Jogginghosen, T-Shirt mit Spuck-Flecken, strähnige Haare und noch einige Kilos zu viel auf den Rippen. Ich kam mir manchmal so schrecklich vor (nicht nur äußerlich), dass ich mir nicht vorstellen konnte, es würde mich überhaupt irgendjemand, naja, lieben.

Ich hatte aber auch gar keine Zeit, mich zurechtzumachen. „In den ersten Wochen schlafen sie so viel, da hast du schön Zeit für dich“, sagte eine Bekannte mir in den letzten Wochen der Schwangerschaft. Alisa hat viel geschrien. Auch geschlafen, klar. Aber die Wachphasen waren Schreitattacken. Wobei ich mir jetzt im Nachhinein gar nicht mehr sicher bin, ob sie wirklich so viel geschrien hat oder ob es mir nur so vorkam, weil ich so fertig war. Ich erinnere mich auf jeden Fall noch, dass ich jeden Tag schon Angst vor dem Abend hatte, wo sie von 19 bis 23 Uhr geschrien und sich einfach nicht beruhigen lassen hat. Ich kam mir so hilflos vor. Eine Mutter, die ihr eigenes Baby nicht beruhigen konnte! Wo gibt es denn sowas! 

 Aber es wurde besser mit der Zeit. Ob es an den gelösten Blockaden lag oder an der Umstellung auf kuhmilchfreie Säuglingsmilch oder daran, dass ich mich besser auf sie einstellen konnte oder dass sie generell wacher wurde und sich immer mehr für die Welt begeisterte – ich weiß es nicht. Mittlerweile (und eigentlich doch schon die ganze Zeit) habe ich das liebste Kind auf der Welt. Ich finde es auch gar nicht mehr so schlimm, dass wir so einen holprigen Start hatten. Ich weiß jetzt, wozu ich in der Lage bin. Es hat mich stärker gemacht.

An Weihnachten war sie dreieinhalb Monate alt. Es war der schönste und zugleich unfestlichste Heilige Abend meines Lebens. Der schönste, weil ich das größte Geschenk, das man sich überhaupt vorstellen kann, in den Armen halten durfte. Das unfestlichste, weil der ganze Tag so durchgetaktet war und in seinem Ablauf jedem anderen der Tage mit Baby glich, dass einfach keine Festtagsstimmung aufkommen wollte. Silvester war ähnlich. Wir hatten uns vorgenommen, wenn wir schon nicht weggehen, bleiben wir wenigstens lange auf, schauen Quatsch im Fernsehen und stopfen uns mit Süßigkeiten voll. Das haben wir auch gemacht – bis um zehn. Dann fielen wir todmüde ins Bett und hofften, dass die Raketen und das Geknalle das Baby nicht aufwecken. Den Jahreswechsel haben wir trotzdem live erlebt. Alisa ist kurz vor Mitternacht wach geworden, sodass wir dann zu dritt in ihrem Zimmer saßen und aus dem Fenster das Feuerwerk schauten. Ein schöner Moment. Vor allem, weil ich mir genau das ein Jahr zuvor gewünscht habe.

Jetzt ist schon März und Alisa entwickelt sich so rasant, ich komm gar nicht mehr richtig mit. Die erste Zeit kam mir vor, als würde sie gar nicht vergehen und jetzt geht mir alles viel zu schnell. Sie kann schon greifen, lachen, träumen (hab ich gelesen), sich auf die Seite drehen (ganz rum kommt sie noch nicht) und Brei löffeln (wenn sie Lust hat). Bald ist sie 16 und fährt mit ihrem draufgängerischen Motorrad-Freund nachts zu den Tschechen. Dann werde ich mich zurücksehnen nach der Zeit, in der sie friedlich (oder nicht) in ihrem Bettchen schlummerte. Sie wird für immer mein kleines Baby bleiben.

Und ich? Bin ich noch dieselbe? Nein. Also, doch, schon, ich bin immer noch die Annemarie, die am liebsten die ganze Welt bereisen und an jedem Zwischenstopp Bungeespringen, Wildwasserraften und Löwen streicheln möchte. Aber ich bin, und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, gesetzter geworden. Oder langweiliger, wie mans sieht. Es dreht sich nicht mehr alles nur um mich. Es dreht sich ehrlich gesagt fast überhaupt nichts mehr um mich, und das ist gut so. Es nimmt mir den Druck, immer höher, schneller, weiter zu wollen.  Ich habe einfach andere Prioritäten. Ich bin organisierter, aufmerksamer, zuverlässiger und unspontaner als vor der Geburt. Ich fühle mich nicht mehr so rastlos und verloren. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe und ich habe meine fürs Erste gefunden.

DANKE an dieser Stelle an alle Omas, Opas, Uromas, Tanten und Onkel für die großartige Hilfe und Unterstützung! Ihr seid wunderbar! Das gilt natürlich auch für den Papa! 😉 Du bist mein Halt!

Kleiner Tipp noch an alle Bald-Mamas: Schlaft! Schlaft um euer Leben!

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