Was bleibt von uns, wenn wir sterben?

Achtung, ich habe heute eine sentimentale Phase. Morgen wird mein Großonkel beerdigt. Er starb, indem er in einer strengen Winternacht die Treppe seiner ungeheizten Wohnung hinab stürzte und erfror. Wie lange er dort lag, bis man ihn fand, weiß ich nicht. Einen Tag mindestens, wahrscheinlich zwei oder drei. Er war allein.

Der Bruder meines Großvaters war, solange ich mich an ihn erinnern kann, anders als die anderen.

Eigenbrötlerisch. Kauzig. Irgendwie schräg. Er wohnte in einer Art Scheune und hielt nichts von Familie. Er hielt Ponys und Ziegen und erwartete nichts mehr von den Menschen. Grummelnd wies er jeden gutgemeinten Annäherungsversuch von sich. Als ich noch jünger war und er mich noch erkannte, grüßte er. Manchmal huschte dabei sogar ein Lächeln über sein Gesicht. Vielleicht aus Höflichkeit, vielleicht auch, weil er insgeheim doch noch nicht mit den Menschen abgeschlossen hatte. Je älter er wurde, desto mehr zog er sich zurück. Die Leute nannten ihn asozial.

Zur Beerdigung kommen trotzdem einige. Schließlich kannte man ihn. Ihn, der bei Wind und Wetter mit dem Moped zum Kiosk fuhr. Ihn, der bei fast jeder Kneipe im Ort Hausverbot hatte, weil er die anderen Gäste „abschreckte“. Ihn, der immer dieselben Klamotten, immer denselben Rucksack und immer denselben zotteligen Bart trug. Trotz – oder gerade wegen – seiner Kauzigkeit, bleibt er den Menschen in Erinnerung. Jetzt, wo er tot ist, regt sich niemand mehr über ihn auf. Man fragt sich, warum er so geworden ist. Muss manchmal sogar Schmunzeln, über ihn und seine Marotten. Er war mein Großonkel und ich habe keine Ahnung, wer er eigentlich war.

Ich glaube, wenn die Menschen sagen, sie haben Angst zu sterben, haben sie in Wahrheit keine Angst vor dem Tod. Sondern vor dem Vergessenwerden. Heute im Radio kam, schon wieder, leider, die Meldung eines tödlichen Verkehrsunfalls. „Ein Lkw-Fahrer“ starb auf der Autobahn. Und ich dachte, das ist doch nicht richtig. Der Mann war kein „Lkw-Fahrer“. Das war nur sein Beruf. Ich weiß, die Bezeichnung beruht auf dem Kontext, aber ich frage mich, wie würde man mich nennen, wenn ich sterbe? Junge Mutter? Audi-Fahrerin? Veganerin? Und welche Bezeichnung würde ich mir wünschen? Im Grunde wollen wir doch alle nur, dass unser Dasein nicht sinnlos ist. Dass wir in irgendeiner Form weiterleben. In den Geschichtsbüchern, in der Erinnerung, im Internet… Aber was ist es, was von uns bleibt?

Vor gar nicht langer Zeit war ich besessen davon, einen Sinn zu finden. Sinn zu machen. Ich wollte etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Einen coolen Job, aufregende Erlebnisse, Nervenkitzel, die ganze Welt sehen, am besten noch das Weltall. Aber das ist doch gar nicht das Wichtigste. Das erkannte ich an dem Tag, als ich zum ersten Mal in die Augen meiner Tochter blickte. Die auf meiner Brust lag, winzig klein und noch ganz zerknittert, und mich so staunend und fragend ansah und gleichzeitig so weise, als wüsste sie schon alles vom Leben. In dem Moment verstand ich: DAS ist es, wofür es sich zu leben lohnt. Familie.

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