Das Monster in mir

Nachts ist alles schlimmer. Kennt ihr das? Sorgen, die am Tag klein und machbar erscheinen, wachsen in der Nacht zu riesengroßen Problemen. Die schlimmste Zeit ist zwischen drei und vier Uhr. Einmal wach, finde ich nur schwer wieder in den Schlaf. Ich grüble über dies und das, wälze Probleme, die es gar nicht gibt und steigere mich derart hinein, dass mir mein Leben als Abfolge von nicht zu bewältigenden Hindernissen erscheint. Früh morgens sind die Monster unter meinem Bett echt.

Jetzt ist es leider so, dass Alisa mich regelmäßig um diese Zeit weckt. Sie wälzt in den Morgenstunden auch Probleme. Meist sind das Hunger und volle Windel. Ich füttere und wickle sie also und meistens schläft sie dann nochmal zwei, wenn ich Glück habe drei Stunden. Aber ich liege im Bett, die Augen groß wie Tellerminen und mein Kopfkarussell dreht sich, dass mir übel wird. „Der Blog! Das will doch keiner lesen! Für wen mache ich das überhaupt? Mache ich mich nicht lächerlich? Außerdem sollte ich echt mal wieder ernsthaft Sport machen! Schon bald kommt der Frühling und ich sehe immer noch aus wie im fünften Monat. Versagerin!  Und dunkel ist das immer! Wann kommt denn nun der Frühling! Und jetzt fängt auch noch die Katze an zu maunzen! Das macht sie mit Absicht! Ich sperr sie ins Bad! Ist doch alles Mist hier!“ Und schon ist die Mücke ein Elefant.

Das Gute ist, ich bin nicht allein. Vielen Menschen erscheinen Sorgen nachts schlimmer. Was heißt, es muss einen biologischen Grund geben. Laut Forschern ist nächtliches Grübeln ganz normal und hängt mit dem Hormon Melatonin zusammen. Dessen Produktion steigt in der Nacht an und erreicht gegen drei Uhr seinen höchsten Wert. Es drückt auf die Stimmung und fördert Grübeln und negative Gedanken. Deshalb sind um diese Zeit die Hotlines von Telefonseelsorgen am stärksten frequentiert, die Selbstmordrate ist erhöht und es passieren mehr Unfälle. Der gleiche Mechanismus führt übrigens auch zur Winterdepression, weil unser Körper in der dunklen Jahreszeit generell mehr Melatonin produziert. Fehlt das Sonnenlicht, sinkt der erhöhte Melatoninspiegel auch tagsüber nicht ab. Deshalb trinken die Skandinavier auch so viel. Aber Alkohol trinken macht sich mit kleinem Baby meistens nicht so gut.

Was kann ich also gegen den Dunkelheits-Blues tun? In der Psychiatrie setzt man auf Schlafentzug. Menschen mit Depressionen werden in der zweiten Nachthälfe geweckt und bis zum Abend wach gehalten, um das typische Morgentief zu umgehen. Durch den Schlafentzug soll das Gleichgewicht zwischen den Neurotransmittern im Gehirn positiv beeinflusst werden, was angeblich die Stimmung verbessert. Bei mir klappt das jedenfalls nicht. Schlafentzug macht mich zum Monster in meinem Bett.

Andere Experten raten, man solle sich in der Zeit einfach etwas Gutes tun. Duftkerzen anzünden, Kreuzworträtsel lösen, duschen und solche Sachen. Mir tun dann nur die verlorenen Stunden Schlaf leid. Der ist mit kleinem Baby rar gesäht, da will ich nachts nicht noch kreuzworträtseln. Also liege ich weiter grummelnd im Bett und ärgere mich über mein Melatonin.

Es soll ja Menschen geben, die freiwillig solange wie möglich auf Schlaf verzichten. Fürs Guinnes-Buch der Rekorde zum Beispiel. Dort hinein hat es der Brite Tony Wright geschafft, der 226 Stunden wach geblieben ist. Nein, er ist kein gestresster Vater. Er hat den Weltrekord nicht einmal mit Vorsatz aufgestellt. Sondern um zu beweisen, dass man mit Rohkost-Nahrung (er ernährte sich in den elf Tagen ausschließlich von Bananen, Avocados, Ananas, Nüsse und Karottensaft) die geistige Leistungsfähigkeit verbessern und länger wach bleiben kann. Verrückter Typ.

Also Rohkost ist mir zu krass. Vielleicht versuche ich es demnächst mal mit meditieren. Oder reden. Wenn mein Freund nicht da ist (oder verständlicherweise um diese Zeit nicht reden will), vielleicht mit den Katzen. Die sind um diese Zeit schließlich auch immer wach.

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