Warum ich eine vegane Mama bin

Okay, warum ich eine Mama bin, geht nur mich und meinen Freund etwas an – Punkt 1. Punkt 2, warum habe ich mich entschieden, vegan zu leben? Noch immer wird diese Ernährungsweise von den meisten als „Spleen“ oder kurzzeitiger „Trend“ belächelt. Doch Vegansein ist für mich eine Herzensentscheidung. Vegetarier bin ich schon länger, aber auf Joghurt und Käse zu verzichten, konnte ich mir dann doch nicht so richtig vorstellen. Bis zu einem einschneidenden Erlebnis nach der Geburt meiner Tochter: dem Stillen.

Stillen ist das Natürlichste auf der Welt. Aber wenn es nun nicht klappt? Dann folgen Milchstau, Brustentzündungen, Fieber, höllische Schmerzen und Antibiotika. Bei mir war es so schlimm, dass ich kurz davor war, eine Wochenbettdepression zu bekommen. Weil ich mich doch dem kleinen Menschlein widmen wollte. Nicht meinen Brüsten. Tag und Nacht hing ich an der Milchpumpe, um die Entzündungen zu bekämpfen und weiteren Milchstaus vorzubeugen. Dabei immer diese wahnsinnigen Schmerzen! Als ich eines nachts so auf dem Sofa saß, Oberkörper frei, fiebernd und mit Augenringen bis zum Bauchnabel, musste ich an Kühe denken. Wie sie da eng aneinander gereiht in ihren Boxen stehen, an ihren überfüllten, überreizten Eutern pumpende Melkmaschinen, ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert. Ich hatte wenigstens die Gewissheit, dass es mir irgendwann besser gehen wird, dass mein Baby zur Not mit Flaschennahrung groß wird und ich mir diese Hölle nicht mehr antun muss. Aber die Kühe! Die können niemals weg. Die hängen ihr gesamtes Leben an Milchpumpen, haben entzündete Euter und leiden, leiden, leiden. Nur damit wir einen Zott Sahne Joghurt reinmampfen können oder eine Tafel Milka Kuhflecken.

Zugegeben, ich hab noch eine Weile gebraucht, bis ich tierische Produkte komplett von meinem Speiseplan streichen konnte. Dann habe ich zumindest keine Milchprodukte mehr eingekauft und nur noch auf Feiern und Einladungen ein Stück Torte oder Kuchen genascht – aus Höflichkeit. Bis mir klar wurde, wie albern das eigentlich ist. Schließlich machte das Essen von Tierprodukten für mich schon länger keinen Sinn. Warum also anderen was vormachen? Am Ende belügt man nur sich selbst.

Die Gründe, warum ich heute nur noch Pflanzen esse, sind vielfältig. Zum einen ist eine pflanzenbasierte Ernährung nach jetzigem wissenschaftlichen Stand nun mal die gesündeste überhaupt. Vegane Ernährung beugt einer Vielzahl an Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Herz- Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall, Übergewicht, Alzheimer, Demenz  und Autoimmunerkrankungen vor. Die größte Ernährungsgesellschaft der Welt, die Academy of Nutrition and Dietetics (A.N.D.), empfiehlt die vegane Ernährung seit 2003 als gesündere Alternative zur westlichen Mischkost und sagt auch, dass eine rein pflanzliche Ernährung für jede Lebensphase geeignet ist. Klar, auch Veganer können sich fehl- oder mangelernähren. Aber nicht, weil die Ernährungsweise an sich mangelhaft ist, sondern weil viele sich einfach zu wenig informieren. Nicht wissen, was sie „dann noch essen“ können. Oder einfach nur noch Salat essen und nach einem Monat zu dem Schluss kommen, das Veganding sei nichts für sie.

Zum anderen mag ich Tiere wirklich. Lebendig – nicht auf meinem Teller. Ich glaube zwar, niemand von uns hasst Tiere. Die meisten haben Haustiere, behandeln ihren Hund oder ihre Katze wie Kinder und finden Häschen, Kälbchen und Lämmchen niedlich. Aber während wir die einen streicheln, essen wir die anderen. Aufgrund dieser Doppelmoral leiden und sterben allein in  Deutschland jährlich 778 Millionen Tiere in Massentierhaltungsbetrieben. Fast eine Milliarde Tiere werden gequält, gefoltert und getötet, nur damit es uns „schmeckt“. Die Zahl ist so groß, dass sie nicht greifbar ist. Genau wie die Tiere, die ja im Verborgenen leiden. Wahrscheinlich würde niemand noch Tiere essen, wenn er das Grauen mit eigenen Augen sehen würde. Aber einem Schnitzel oder Chicken Wing sieht man eben nicht mehr an, dass das mal ein Tier war. Und wer jetzt damit argumentiert, dass er ja „nur Fleisch vom Metzger seines Vertrauens“ isst oder „mal ein Stückchen Pute aus Biohaltung“, der lügt. Wie sonst erklärt sich, dass 98 Prozent des Fleischs  aus Massentierhaltung stammen. Der Deutsche isst im Jahr durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch. Zwei Drittel davon waren einmal Schweine, der Rest Rinder und Geflügel.

Um diese enormen Fleischmassen zur Verfügung zu stellen, bleibt den „Bauern“ gar nichts anderes übrig, als die Tiere unter lebensfeindlichen Bedingungen (Enge, Spaltböden, Gestank, Kunstlicht…) zu halten. Die Folgen sind Stress, Langeweile, Aggressionen, Verletzungen, Infektionen und Verhaltensstörungen, sogar Kannibalismus, Apathie und Wahnsinn. Hühnern und Puten werden die Schnäbel abgesägt, damit sie sich nicht gegenseitig die Augen aushacken. Ferkeln entfernt man Zähne und Schwänze, kleine Eber werden ohne Betäubung kastriert. Milchkühe und Rinder leben in Hochleistungsställen, frisches Gras oder die Sonne bekommen sie im Leben nie zu Gesicht. Kälbchen wird der Kontakt zu ihren Müttern fast ausnahmslos verwehrt, damit sie uns nicht die Milch wegtrinken. Absurd! Keine andere Spezies trinkt ohne Not die Muttermilch von anderen Arten. Nach diesem traumatischen Erlebnis und 14 Wochen Mangeldiät in viel zu engen Käfigen (damit das Fleisch aufgrund des Eisenmangels schön weiß bleibt), werden sie – meist mit unzureichender Betäubung und bei vollem Bewusstsein – abgestochen oder mit dem Bolzenschussgerät getötet, aufgespießt und enden schließlich als Kalbfleisch. Jedes Tier sieht seine Brüder und Schwestern sterben, bis es selbst an der Reihe ist.  Humanes Töten gibt es nicht.

Ihre Mütter, die Milchkühe, leben nicht auf grasgrünen Weiden, wie es uns die Milchpackungen vormachen wollen, sondern in grauen Betongefängnissen. In „Anbindehaltung“ können sich die 650-750 Kilogramm schweren Tiere keinen Meter bewegen. Die verzweifelten Schreie nach ihren Babys erfüllt tagelang die Industriehallen. Immer und immer wieder werden sie künstlich geschwängert, um Milch zu produzieren. In sieben der neun Monate Schwangerschaft werden sie gemolken. Während eine „natürliche“ Kuh am Tag etwa acht Liter Milch für ihr Kalb produziert, hat eine Zuchtkuh eine tägliche Milchleistung von 50 Litern. Die dauerhafte Beanspruchung der Euter führt zu schmerzhaften Entzündungen (jeder, der schon mal eine Mastitis hatte, weiß, welche Qualen das sind!), die nur durch regelmäßige Antibiotikagaben abgemildert werden können. Dennoch finden sich in der Milch neben Medikamenten- und Hormonrückständen auch Blut und Eiter. Guten Appetit.

Hühner haben ein ähnliches Schicksal.  95 Prozent der Legehennen „leben“ in sogenannten Batterieställen. Vier bis fünf Hennen teilen sich einen Käfig mit Drahtboden, der ihre Füße verletzt. Durch die qualvolle Enge (jedes Tier hat eine Fläche von einem A4-Blatt zur Verfügung) kommt es zu Flügelverletzungen, ausgerupftem Gefieder und Atemwegserkrankungen wegen des bestialischen Gestanks nach Ammoniak. Wenn nach drei Jahren ihre Legeleistung sinkt, enden sie als Suppenhühner. Männliche Küken werden gleich nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert und zu Tierfutter verarbeitet. Die meisten Hühner entstammen Hybridrassen, die in kürzester Zeit ihr Gewicht verdoppeln und sich nicht mehr eigenständig fortpflanzen können. Eier sind tote Materie, die kein Leben mehr hervorbringt.

Dann sind da noch die Folgen für die Umwelt. Der Anstieg des weltweiten Fleischkonsums bedarf riesiger Landflächen und Unmengen Wasser.  Weltweit werden rund fünf Milliarden Hektar Boden landwirtschaftlich genutzt. 80 Prozent davon fallen der Viehwirtschaft zum Opfer. Und das, obwohl tierische Lebensmittel nur 17 Prozent der weltweiten Ernährung ausmachen. Das heißt, die Tiere, die einen kleinen Teil der Weltbevölkerung ernähren, zerstören einen Großteil der Welt.

Der Fleischkonsum der westlichen Welt verschlimmert den Hunger in den Entwicklungsländern, weil „unsere“ Nutztiere und deren Futterpflanzen die Landfläche für Getreideanbau besetzen. 2/3 der weltweilen Getreideernte dienen als Futtermittel – wo es in Südamerika früher Regenwälder und Savannen gab, wird heute Tierfutter angebaut. Soja: 90 Prozent davon landen nämlich nicht auf den Tellern von Veganern, sondern in Mastbetrieben. Lebensräume und Ökosysteme werden für immer zerstört, bedrohte Tierarten ausgerottet, Pflanzen, die vielleicht ein Heilmittel gegen HIV oder Krebs in sich tragen, verschwinden, ohne dass wir sie je gekannt haben.

Neben der  Zerstörung des Regenwaldes ist Methangas ein bedeutender Klimakiller. Und wer setzt das frei? Rinder. Das durch Aufstoßen und Blähungen der Tiere freigesetzte Gas ist mindestens zehnmal gefährlicher als Kohlenstoffdioxid. Eine einzige Kuh ist für das Klima genauso schädlich wie ein VW Golf.

Auch die Wasserverschwendung bei der Herstellung von Fleisch ist enorm. Zur Produktion eines einzigen Kilogramms Rindfleisch  werden 15.000 Liter Wasser verbraucht. Zum Vergleich: Ein Afrikaner verbraucht an einem ganzen Tag rund 20 Liter Wasser – das reicht bei uns gerade einmal für eine anderthalb Minute Duschen – oder für 130 Gramm Rindfleisch.

Ich weiß, dass ich als einzelner Mensch die Welt nicht retten werde, indem ich keine Tiere mehr esse. Aber jeder Kassenbon ist nun mal auch ein Stimmzettel. Mit dem Kaufverhalten von heute beeinflussen wir die Produktion der Waren von morgen.

„Zuerst ignorieren sie dich, dann belächeln sie dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ (Gandhi)

3 Gedanken zu „Warum ich eine vegane Mama bin“

  1. Nachdem Herr Wohlleben uns gezeigt hat, dass auch Bäume Gefühle haben und mit Ihren „Kindern“ verbunden sind, könnte man diese Erkentniss ja auf alle Pflanzen übertragen. Nur wenn auch Pflanzen Gefühle haben, was sollen wir dann noch essen ohne andere Lebewesen zu verletzen?

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    1. Ich kenne das Buch von Peter Wohlleben. Und weiß deshalb, dass Pflanzen zwar eine Art Gefühle haben, aber ob sie Schmerz empfinden, ist unklar. Zumal sie kein zentrales Nervensystem besitzen. Und selbst wenn sie Schmerzen fühlen würden, würden wir mit Fleischkonsum weit mehr Pflanzen Schmerzen zufügen, als wenn wir sie direkt verzehren (auf 1kg Fleisch kommen im Schnitt 16kg Pflanzen). Es ist nun mal so, dass wir allein durch unser Dasein anderen Lebewesen Leid zufügen. Es geht darum, dieses Leid so gering wie möglich zu halten…liebe Grüße!

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